Hochgeschätzte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frei nach Gustav Heinemann zeigt sich die Stärke einer Gesellschaft daran, wie sie mit ihren schwachen Mitgliedern umgeht, mit ihren verletzlichen und verängstigten – mit Menschen, die sich mit ihren Familien in einem fremden Land wiederfinden, inmitten eines epidemischen Krankheitsausbruchs, mit Menschen, die die Ausbreitung eines bisher unbekannten Virus in ihrer Nachbarschaft erleben, ein Virus, gegen das es noch keinen Impfstoff gibt und an dessen Folgen Menschen sterben. Und dann kommt der erlösende Anruf aus der deutschen Botschaft: Man bereitet eine Evakuierung vor.
Auf der anderen Seite der Welt, in Germersheim, klingelt parallel auch ein Telefon. In der Südpfalz-Kaserne geht der Befehl ein, binnen drei Tagen eine Quarantänestation für etwa 100 Menschen einzurichten, für die Männer, Frauen und Kinder, die aus Wuhan evakuiert werden, deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger und deren Familien.
In einer solchen Lage ist schnelles und entschiedenes Handeln gefragt. Die Bundeswehr allein kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Sie muss sich abstimmen mit den Blaulichtorganisationen, dem Roten Kreuz, den kommunalen Behörden, den politischen Entscheidungsträgern aus der Region und dem Land. Die Bevölkerung muss eingebunden werden, um Panik und Misstrauen zu verhindern. Die Liegenschaften vor Ort müssen auf die Quarantäne vorbereitet werden. Eine große Herausforderung, die in kurzer Zeit bewältigt werden muss! Das geht nur mit guter Zusammenarbeit. Es geht in der Südpfalz.
Kolleginnen und Kollegen, mir sei an dieser Stelle ein klein wenig Lokalpatriotismus gestattet. Als gebürtiger Südpfälzer, der diese Region hier vertreten darf, bin ich sehr stolz. Ich bin stolz auf die Soldatinnen und Soldaten der Kaserne, die unseren Namen trägt. Ich bin stolz auf die Kolleginnen und Kollegen in den örtlichen Behörden, die mehr als nur ihre Arbeit gemacht haben. Gut, dass wir uns auf die Strukturen in Rheinland-Pfalz verlassen können und dass die Landesregierung alles dafür tut, die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten!
Ich bin stolz auf die vielen Helferinnen und Helfer des Roten Kreuzes, der Malteser und all der anderen Organisationen, die seit zwei Wochen nun rund um die Uhr oft ehrenamtlich ihren Dienst leisten,
und auf die Menschen der Region, die sich absolut anständig verhalten haben, die nicht in Panik verfallen sind, die sich nicht gegen die Unterbringung der Evakuierten gewehrt haben, die sogar Sachspenden für die betroffenen Familien gesammelt haben. Ihr seid alle großartig. Vielen Dank!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich kurz erläutern, was die Unterbringung der Evakuierten in der Südpfalz-Kaserne in der praktischen Umsetzung bedeutet. In der Kaserne gibt es glücklicherweise ein frisch renoviertes Unterkunftsgebäude auf dem modernsten Stand, das für die Unterbringung genutzt werden konnte. Aber Quarantäne heißt nicht nur: Soldaten raus, Evakuierte rein, Tür zu und warten. – Familien mit kleinen Kindern haben andere Bedürfnisse als Soldatinnen und Soldaten im Dienst.Der Führungsstab in Germersheim hat deswegen quasi über Nacht Kinderbetten in ausreichender Zahl angeschafft. Es wurde ein gesonderter Wäschekreislauf eingerichtet, damit die Kleidung der Evakuierten sich nicht mit der Kleidung der Bundeswehrangehörigen vermischt. Es wurden ein besonderer Versorgungskiosk und eine Anlaufstelle eingerichtet, um auf die Bedürfnisse von Familien, die ihren Hausstand zurücklassen mussten, eingehen zu können – alles binnen kürzester Zeit und mit allerhöchstem Einsatz.
Allein in der ersten Woche hat das Luftwaffenausbildungsbataillon fast 3 300 Stunden an Mehrarbeit geleistet. Das Rote Kreuz hat Medikamente in Apotheken beschafft, mit dem THW ein Warenlager eingerichtet und über 100 Logistiktransporte durchgeführt.
Vor Ort kümmern sich Rotkreuzler rund um die Uhr um die Menschen in Quarantäne. Sie untersuchen sie täglich, sie messen Fieber, bieten aber auch Beschäftigungsprogramme und psychosoziale Betreuung an. 22 dieser Helferinnen und Helfer sind sogar selbst in Quarantäne gegangen, um besser helfen zu können. Sie haben freiwillig diese Belastung und dieses Risiko auf sich genommen, um anderen zu helfen. Dafür gebührt ihnen unser Dank, unsere Anerkennung.
Der Einsatz war erfolgreich: Gestern kam die Meldung, dass sich bisher niemand unter den in Germersheim Untergebrachten mit dem Virus infiziert habe. Hoffen wir, dass dies auch weiterhin so bleibt und dass diese Menschen bald ihr Leben wieder ganz normal leben können!
Kolleginnen und Kollegen, eine schwache Gesellschaft hätte ihre Staatsbürgerinnen und Staatsbürger nicht aus China zurückgeholt. Eine schwache Gesellschaft hätte sich gedacht: besser dort als hier. – Wir sind aber keine schwache Gesellschaft. Wir haben uns nicht von Angst und Vorurteilen, von Falschmeldungen und Panikmache verleiten lassen. Wir haben gezeigt, dass wir eine starke Gesellschaft sind, deren Institutionen funktionieren und deren Menschen solidarisch miteinander sind. Wir sind eine starke Gesellschaft, die zusammenhält. Darauf dürfen auch Nichtpfälzer stolz sein.
Vielen Dank.