Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Werte Gäste! Das Erasmus-Programm ist ein großer Schatz für Europa – durch meine bildungspolitische Brille gesehen sogar der größte und wertvollste der gesamten Europäischen Union. Jeder in das Programm investierte Euro ist gut angelegtes Geld. Das Programm bildet und prägt. Es lässt junge Leute über den Tellerrand schauen und schafft damit auch die Möglichkeit, hinter die Fassade zu blicken, die uns die Rechtspopulisten vorgaukeln wollen.
Die Rechtspopulisten stehen für vieles, aber nicht für ein offenes und geeintes Europa, wie Sie hier mit dem eingebrachten Antrag versuchen zu suggerieren.
Gut also, dass das Erasmus-Programm zu den Erfolgsgeschichten europäischer Bildungspolitik gehört. Gut, dass sich jedes Jahr Hunderttausende auf den Weg machen, um das bunte und vielfältige Europa kennenzulernen. Und es ist gut und richtig, dass das Europäische Parlament die Mittel für das neue Erasmus+-Programm nicht nur verdoppeln möchte, sondern sogar eine Verdreifachung anstrebt. Das unterstütze ich und auch die gesamte SPE-Fraktion im EU-Parlament.
Ich bin verwundert, dass sich die Antragsteller um ein ausgewiesenes proeuropäisches Programm sorgen; denn es ist doch Ihre Partei, die eigentlich die EU verlassen möchte,
die mit dem Gedanken spielt, das Europäische Parlament aufzulösen und damit das einzige durch alle Europäerinnen und Europäer direkt gewählte Organ hinter sich zu lassen. Sie sind die Partei, die genau das Gegenteil von dem vorhat, wofür das Erasmus-Programm steht: ein offenes, freies und tolerantes Europa, das voneinander lernt.
Ich erkenne bei Ihnen vor allem Egoismen und Abschottung. Sie erschweren mit Ihrer Politik den interkulturellen Austausch, indem Sie Ressentiments schüren und das Programm exklusiv den Studierenden vorbehalten möchten. Es waren Ihre Abgeordneten, die am 31. Januar, dem Tag des Brexits, von einem „Freudentag für Europa“ gesprochen haben. Dass sich ausgerechnet Ihre Partei jetzt Sorgen macht über das proeuropäischste Programm überhaupt, finde ich, mit Verlaub, heuchlerisch. Sie wollen es schrumpfen.
Ich möchte meinen Blick auf ein anderes Problem lenken. Noch immer wird das Erasmus-Programm viel zu oft als Austauschmöglichkeit nur für Studierende gesehen. Das ist aber zu kurz gedacht. Auch Azubis oder junge Berufstätige haben die Möglichkeit, eine Erasmus-Förderung zu erhalten. Beide Gruppen sind in der Förderstatistik unterrepräsentiert. Gerade einmal 5,3 Prozent der Azubis sind 2017 für Ausbildungszwecke ins Ausland gegangen, und nur jeder Zweite hat dabei eine Erasmus-Förderung erhalten. Das ist zu wenig. Das müssen wir ändern.
Wenn wir also von echter Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung sprechen, ist es meiner Fraktion ein Anliegen, das Programm verstärkt an die Azubis zu tragen, hier gezielter zu informieren und auch die Betriebe von den Vorteilen eines Austausches zu überzeugen. Nur so kann ein gelebtes Europagefühl für alle entstehen.
Herzlichen Dank.