Herzlichen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Parität, Frau von Storch, ist nicht verfassungsfeindlich; sie ist vielleicht verfassungswidrig, aber darüber kann man vielleicht an anderer Stelle debattieren.
Aber jetzt zum Thema. Mein absolutes Lieblingsbuch meiner Kindheit war „Lotta aus der Krachmacherstraße“ von Astrid Lindgren. Ich denke, beinahe jeder hier kennt die Abenteuer des kleinen unerschrockenen Mädchens.
Vor Kurzem bin ich dann auf ein ganz anderes inspirierendes Buch für junge Mädchen, aber auch für Frauen gestoßen, und zwar „Good Night Stories for Rebel Girls – 100 außergewöhnliche Frauen“ mit Geschichten von starken Frauen wie der indischen Boxkämpferin Mary Kom oder der bekannten pakistanischen Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Malala. In der Türkei hat dieses Buch eine Jugendfreigabe ab 18 Jahren. In Russland wurde die Erzählung über das Transgendermädchen Coy Mathis gestrichen. Auch die Zensoren im Iran ließen das Buch erst zu, nachdem sie einige Lebensgeschichten komplett ausradiert hatten.
Dahinter, meine Damen und Herren, steckt eine Angst – die Angst, dass Mädchen auf dumme Ideen kommen könnten: auf die dumme Idee, für vollkommene Gleichberechtigung zu streiten, auf die dumme Idee, freie Entfaltung einzufordern, auf die dumme Idee, in einer Welt aufwachsen zu wollen, in der nicht durch Vorurteile oder Klischees ihre Lebensläufe kleingehalten werden.
Meine Damen und Herren, in Deutschland zensieren wir natürlich keine Kinderbücher. Aber auch wir halten als Gesellschaft Mädchen mit Vorurteilen und Klischees immer noch davon ab, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.
Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat sich vor Kurzem deutsche Schulbücher angeschaut und festgestellt, dass Unternehmerinnen oder Managerinnen darin eigentlich überhaupt nicht vorkommen. Wenn überhaupt, kommen Frauen dort als Kundinnen oder als Arbeitnehmerinnen vor.
Über die Hälfte der 12- bis 25-Jährigen wünscht sich laut Shell-Jugendstudie, dass in einer Partnerschaft mit Kind vor allem der Mann das Geld für die Familie nach Hause bringt. Plan International hat junge Social-Media-Nutzer befragt: Ein Drittel der befragten Frauen und über die Hälfte der befragten Männer sagen, dass es nicht schlimm ist, wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als Männer.
Meine Damen und Herren, das zeigt: Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist kein Problem, das sich von Generation zu Generation reduziert. Das zeigt uns: Geschlechtergerechtigkeit ist ein Ziel, das wir uns bewusst gesetzt haben, das wir aber auch jeden Tag verteidigen müssen und für das wir jeden Tag streiten müssen.
Eine der besten Dirigentinnen unserer Zeit, Xian Zhang, hat einmal gesagt: Wenn Mädchen sehen, dass Frauen die Arbeit leisten, dann werden auch sie sich das zutrauen. – Das sieht nicht nur Xian Zhang so, sondern das zeigen auch viele, viele Studien.
Wir brauchen also zwei Dinge. Erstens: Frauen in herausragenden Positionen aller Berufsfelder. Um das zu schaffen, müssen wir in Parteien, aber auch in Unternehmen und in Verbänden mutige Ziele in Sachen Parität haben. Zweitens: eine Gesellschaft, die diese Frauen sichtbar macht und sie scheinen lässt, damit klar wird: Für Mädchen gilt nicht nur dieser eine Lebenslauf. Für sie gelten auch nicht nur die 100 Geschichten im Buch „Rebel Girls“. Ob hier im Bundestag, in Unternehmen, in Universitäten, im öffentlichen Raum, in Kunst oder Kultur, es muss feststehen: Jedes Mädchen schreibt seine ganz eigene Geschichte. Sie soll werden, was sie will, und wir sollten ihr dabei helfen.
Vielen Dank.