Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! „Wow!“, dachte ich, „ein Whistleblowerpaper diskutieren, das macht richtig Spaß, geleakt“ – und dann habe ich diese 83 Seiten gelesen und fand ein wirklich so schlechtes Papier vor, das gerne veröffentlicht werden kann, weil es eine Aneinanderreihung von Behauptungen ist, die nicht belegt werden in dem Papier. Deswegen: Wenn das ein Naturwissenschaftler geschrieben hat, soll er das Diplom zurückgeben. Das ist wirklich eine schlechte Arbeit.
An einem Punkt aber ist der Satz richtig: wenn da geschrieben wird: Auf Basis unvollständiger Informationen kann keine Gefahrenabschätzung stattfinden. – Stimmt! Das ist aber nichts Neues, das ist genau das Problem. Als wir Ende letzten Jahres, Anfang dieses Jahres aus China hörten: „Es gibt da auf einmal dramatische Krankheitsverläufe, es gibt Todesfälle, es gibt Überforderungen des Gesundheitssystems, wahrscheinlich Coronavirus“ – normalerweise macht das Erkältung und dann hat man es einigermaßen gut überstanden –, wussten wir tatsächlich nicht: Was sind die Informationen? Ist das eine neue Variante von Corona? Wahrscheinlich. Wie wird das ablaufen? Verläuft das so wie die Schweinegrippe vor zehn Jahren etwa? H1N1, weltweit etwa 150 000 bis 500 000 Tote, in Deutschland nur 250, wahrscheinlich glimpflich an uns vorbeigegangen. Verläuft das so wie die Influenzawelle 2017/2018? Weltweit 1,5 Millionen Tote, in Deutschland 25 000 Tote. Keine Chance, es einigermaßen einzuschätzen – außer in Deutschland tatsächlich. Wir haben glücklicherweise eine Reihe von Forscherinnen und Forschern, die das seit Jahren betreiben, die da aktiv sind. Und tatsächlich diskutiert in Deutschland und weltweit die Wissenschaft, Herr Spangenberg, also Hunderte und Tausende von Wissenschaftlern – und nicht nur neun oder zehn –, darüber, was das ist, wie das einzuordnen ist und welche Maßnahmen zu ergreifen sind.
Und natürlich mussten wir erst einmal Informationen beschaffen: Wie sind die Übertragungswege? Wie infektiös ist das? Wir wissen immer noch nicht viel: Sind Kinder eigentlich weniger gut infizierbar, oder sind die schneller immun? Was bedeutet es, wenn das Virus weiterhin mutiert? Wird dieser Vorteil wieder vorbei sein? Also, wir müssen auch ständig gucken: Wie ist die Letalität des Virus? Wie ist die Inkubationszeit? Geht das nach zwei Tagen los, nach vierzehn Tagen? Wann können wir sicher sein? Gibt es eine Immunität? Alles unwägbar.
In der gleichen Zeit – im Februar der erste Todesfall in Frankreich, im März in Thüringen – kam es zu uns, und die Bilder aus Italien zeigten ein überfordertes Gesundheitssystem.
Dann kann man „Alternative für Deutschland“ machen und sagen: ignorieren, verharmlosen, Fake News; wir machen nichts. – Oder wir sagen: „Wir sind in der Verantwortung“, und stellen unser Gesundheitssystem so auf, dass wir nicht solche Bilder wie aus Italien haben, dass wir keine Überforderung haben, dass wir Menschen tatsächlich schützen, dass wir nicht einfach sagen: „Kollateralschaden ist, wenn der Opa tot ist“; das würde ich meinen Eltern zu Hause nicht sagen, das würde keiner sagen wollen. Deswegen haben wir richtig gehandelt – auf der Basis möglicher Informationen; das kann auch durchaus falsch sein.
Und dann kommen in diesem Bericht, in den 83 Seiten, solche Behauptungen, damit würden Millionen Lebensjahre von Deutschen vernichtet. An welcher Stelle ist das denn belegt? Das wird einfach nur behauptet. Und dann hat er noch die gewagte These, dieses Virus sei nicht gefährlicher als die meisten anderen Viren, und führt die Influenzaepidemie 2017/2018 an. Das kann man sich genau angucken: 1,5 Millionen Tote weltweit, in Deutschland 25 000 Tote bei der Influenza 2017 – in der kalten Jahreszeit. Das weiß jeder, auch Ihre Oma und Sie: Das ist die Erkältungszeit, das ist die Grippezeit, das ist die Infektionszeit, weil die Voraussetzungen gut sind. Und das führt zu 25 000 Toten in Deutschland.
Wir haben Corona jetzt gerade in einer Phase, wo eigentlich die Kaltzeit aufhört. Wir hatten den wärmsten und trockensten April seit 140 Jahren, also für die Verbreitung des Virus ungünstige Bedingungen. Und – das ist noch ein wichtiger Unterschied – wir haben – nicht nur wir, sondern viele Länder – das öffentliche Leben heruntergefahren, die Infektionsketten unterbrochen. Trotzdem haben wir 8 000 Tote in Deutschland und weltweit 300 000 Tote.
Daraus zu folgern: „300 000 Tote bei Corona, 1,5 Millionen Tote bei Influenza – Corona kann also nicht so gefährlich sein“, das ist doch abstrus. Man muss doch sehen: Wir ergreifen Maßnahmen, damit die Zahl der Toten nicht größer wird. Der Umkehrschluss wäre eigentlich: Wollen wir nicht versuchen, bei der nächsten Influenzapandemie die Zahlen auch zu reduzieren,
indem wir vielleicht eine Maskenpflicht einführen, um diese Toten zu vermeiden?
Also: Das Papier ist eine Katastrophe, will ich sagen, kann jeder lesen,
es ist mittlerweile frei zugänglich. Ich kann es nicht empfehlen. Aber da ist wirklich nichts, was geleakt werden müsste.
Bei dem Vorwurf, das sei ein Fehlalarm, da muss ich sagen: Wer die Feuerwehr beschimpft, dass sie bei einem Fehlalarm ausgefahren ist und nur einen kleinen Brand gelöscht hat, der ist schlicht und einfach ein Idiot.
Denn auch ein Fehlalarm kann hilfreich sein: weil er den Alarm eben sicher macht, der dann künftig kommt.
Vielen Dank. Schönes Wochenende.