Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauer an den TV-Geräten! Die Kollegen der FDP legen uns einen Antrag vor, in dem sie der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gerne Rechnung tragen möchten. Ihre Behauptung „Die Digitalisierung ist nicht nur einer der wichtigsten Wachstumstreiber der aktuellen ökonomischen Entwicklung, sondern auch ein Motor der gesellschaftlichen Transformation und des Wandels der Arbeitswelt“ zeigt allerdings eine eklatante Fehleinschätzung der Situation. Denn die heilige Kuh „Digitalisierung“ hat einige Nebenwirkungen, die für den Arbeitsmarkt leider extrem toxisch sind. Ich weiß, die FDP will sich hier besonders profilieren. Aber wie alles im Leben hat auch die Digitalisierung zwei Seiten, nämlich Licht und Schatten.
Das Licht, in diesem Fall die Möglichkeit zum Homeoffice, hat vielen Menschen während des ersten Lockdowns die Chance zum Arbeiten gegeben. Hier gibt es – da stimme ich der FDP zu – Bedarf, gesetzliche Regelungen auszuweiten und anzupassen. Der Schatten, den die Digitalisierung wirft, ist allerdings deutlich größer als das eben erwähnte Licht. Digitalisierung transformiert: Jedoch wird der kleine Sachbearbeiter in einem Großraumbüro durch Digitalisierung nicht zum IT-Fachmann transformiert, sondern zum Arbeitslosen.
Laut einer Studie der ING-DiBa in Deutschland gibt es circa 3,5 Millionen Bürokräfte und Mitarbeiter in verwandten Berufen; durch fortschreitende Digitalisierung sind rund 3 Millionen dieser Arbeitsplätze mittelfristig gefährdet. In anderen Berufsfeldern sieht die Studie ähnliche Entwicklungen. Bei insgesamt 30 Millionen Sozialversicherungspflichtigen und geringfügig Beschäftigten erwarten die Verfasser der Studie eine Gefährdung von knapp über 18 Millionen der untersuchten Arbeitsplätze in Deutschland. Das sind 59 Prozent des deutschen Arbeitsmarktes, der mittel- und langfristig gefährdet ist.
Wenn ich gerade bei Studienergebnissen bin – ich weiß nicht, ob Sie das wissen, Herr Birkwald –: Das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers hat für Großbritannien ermittelt, dass Homeoffice einen gesamtwirtschaftlichen Schaden in Höhe von 16,7 Milliarden Euro verursachen könnte. Denn wenn Mitarbeiter vermehrt im Homeoffice arbeiten, hat das Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette und entsprechende Ökosysteme von Unternehmen um die Büros großer Firmen herum. Dazu gehören die Gastronomie, die Mitarbeiter bislang vor allem mittags versorgt haben, Einzelhändler, Verkehrsunternehmen sowie Tankstellen für Pendler, Facility-Management etc. etc.
Wie Sie in Ihrem Antrag richtig feststellen, hat die Coronakrise dazu beigetragen, die Einführung der Digitalisierung zu beschleunigen. Aber damit entsteht keine schöne, neue Arbeitswelt, wie Ihr Antrag suggeriert, sondern ein Szenario, das ungeahnte Folgen für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft im Allgemeinen, den einzelnen Arbeitnehmer und sein familiäres Umfeld im Besonderen hat.
Die Vermischung von Arbeit und Privatleben – etwas, das übrigens über 50 Prozent aller Mitarbeiter im Homeoffice als negativ bewerten – ist ein Problem, das Sie hier in Ihrem Antrag durch die rosarote Brille betrachten. Sicherlich mag es für den einen oder anderen Mitarbeiter sinnvoll oder erleichternd erscheinen, sich tagsüber um Familie und Kinder kümmern zu können – aber zu welchem Preis?
In der Realität sieht der Alltag doch so aus: morgens um 6 Uhr die E-Mails abrufen, dann Kinder in Kita und Schule abgeben, zwei bis drei Stunden am Laptop arbeiten, Mittagessen vorbereiten, Kinder abholen, bei Hausaufgaben unterstützen, zwischendurch immer wieder Arbeiten am Laptop erledigen, Kinder bettfertig machen und dann bis spät in die Nacht für die Firma im Homeoffice Arbeiten erledigen – in meinen Augen keine familienfreundliche Perspektive!
Ich komme zum Ende, Frau Präsidentin. – Dafür wollen Sie, liebe FDP, die Arbeitszeitrichtlinien aufweichen und anstelle einer werktäglichen Höchstarbeitszeit eine identische wöchentliche Höchstarbeitszeit festlegen. Sie öffnen damit einer 24/7-Rund-um-die-Uhr-Dauerverfügbarkeit Tür und Tor. Ihr Antrag muss dringend mit dem zu erwartenden Gesetzentwurf aus dem Hause Hubertus Heil, dem Entwurf für das Mobile-Arbeit-Gesetz, im Ausschuss diskutiert werden, um in Einklang mit Arbeitsschutz und Arbeitsschutzregeln gebracht zu werden.
Danke schön.