Herr Präsident! Liebe Frau Ministerin Giffey! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute Nacht haben wir hier die Erprobung eines Registerzensus beschlossen, und jetzt, heute Mittag, beraten wir das Zeitverwendungserhebungsgesetz. Wir wollen durch die Erhebung prüfen, ob und wie Politik konkret wirkt. Wir wollen aber auch Grundlagen für künftige Entscheidungen schaffen. Das Private ist politisch, und wir beraten hier quasi ein Frauengesetz, weil es immer auch um diese nicht sichtbare Care-Arbeit von Frauen geht.
Mir ist eingefallen, dass ich mal ein Buch gelesen habe, das Erich Scheuermann vor etwa 100 Jahren geschrieben hat. Erich Scheuermann hat sich darin auch mit der Zeit befasst. Er hat in dem Buch die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii an sein Volk niedergeschrieben. Dieser Häuptling bereiste auch Europa und befasste sich vor allem mit der Zeit. Er nannte die Weißen Papalagi und beschrieb seine Beobachtungen wie folgt:
Der Papalagi liebt … vor allem aber auch das, was sich nicht greifen läßt und das doch da ist, die Zeit. Er macht viel Wesens und alberne Rederei darum. Obwohl nie mehr davon vorhanden ist, als zwischen Sonnenaufgang und Untergang hineingeht, ist es ihm doch nie genug. Der Papalagi ist immer unzufrieden mit seiner Zeit, und er klagt den großen Geist dafür an, daß er nicht mehr gegeben hat. Ja, er lästert Gott und seine große Weisheit, indem er jeden neuen Tag nach einem ganz gewissen Plane teilt und zerteilt. Er zerschneidet ihn gerade so, als führe man kreuzweise mit einem Buschmesser durch eine weiche Kokosnuß. Alle Teile haben ihren Namen: Sekunde, Minute, Stunde. Die Sekunde ist kleiner als die Minute, diese kleiner als die Stunde; alle zusammen machen die Stunden, und man muß sechzig Minuten und noch viel mehr Sekunden haben, ehe man so viel hat wie eine Stunde.
Das ist eine verschlungene Sache, die ich nie ganz verstanden habe, weil es mich übel anmacht, länger als nötig über solcherlei kindische Sachen nachzusinnen. Doch der Papalagi macht ein großes Wissen daraus.
Es gibt aber auch große und schwere Zeitmaschinen, die stehen im Innern der Hütten oder hängen auf den höchsten Hausgiebeln, damit sie weithin gesehen werden können. Wenn nun ein Teil der Zeit herum ist, zeigen kleine Finger auf der Außenseite der Maschine dies an, zugleich schreit sie auf, ein Geist schlägt gegen das Eisen … Ja, es entsteht ein gewaltiges … Lärmen in einer europäischen Stadt …
Nun, der Südseehäuptling würde sich sicher sehr wundern, wenn er wüsste, was wir heute beraten. Ich würde es ihm so erklären: Nur wenn wir wissen, wie viel Zeit eine Mutter mit dem Stillen ihrer Kinder verbringt, wie viel Zeit die Männer und Frauen mit dem Reinigen der Hütten, mit dem Fangen von Fischen, auf den Wegen, auf Rössern oder zu Fuß, der Beschaffung von Lendenschurz, dem Flechten von Matten, dem Kümmern um die Alten verbringen, dann kannst du, Häuptling, feststellen, ob es gerecht zugeht, und entsprechende Regeln geben. Weil aber diese komische Zeit heute viel schneller vergeht als vor 100 Jahren, sollte man solche Erhebungen wenigstens alle zehn, besser alle fünf Jahre durchführen.
Dazu gibt sich der Papalagi in einem großen Steinhaus unter einem riesigen Adler aus Metall Regeln, an die sich alle halten müssen. Das ist eine gute Sache, damit die Zeit zwischen den Menschen gerecht aufgeteilt werden kann.
Meine Zeitmaschine hier an diesem Pult steht jetzt noch bei zehn Sekunden. Deshalb sage ich: Solche Erhebungen sind spannend für uns in der Politik, aber auch für die Leute, die sich an diesen Erhebungen beteiligen. Dann sehen die nämlich auch mal ganz individuell, wie und womit ihnen die Zeit zwischen den Fingern zerfließt. Ich bitte Sie um Zustimmung zu diesem Gesetzentwurf.
Vielen Dank.