Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Zuschauer an den Bildschirmen! Und ganz besonders herzlich willkommen: Liebe Soldaten der Bundeswehr dort oben auf der Gästetribüne!
59 gefallene Soldaten in einem asymmetrischen Krieg am Hindukusch, der von Anfang an nicht zu gewinnen war. 59 Familien – Mütter, Väter, Geschwister, Ehepartner und Kinder –, die ihre Lieben verloren. Sie haben sie anfangs schweren Herzens ziehen lassen, im Vertrauen auch auf dieses Parlament und darauf, dass die Parlamentsarmee, nach Afghanistan geschickt, Gutes bewirken wird.
Dieses Parlament hätte gewarnt sein können von Ereignissen, die viele Jahre zurückliegen: 1843 wurde das britische Expeditionskorps auf dem rettenden Weg zum Khaiberpass von den afghanischen Stämmen niedergemacht – die größte Niederlage der Briten in ihrer Kolonialgeschichte. „Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan“, dichtete damals Theodor Fontane über das schreckliche Ereignis.
Sie, wir, das Parlament, hätten gewarnt sein müssen von den 15 000 gefallenen Sowjetsoldaten, deren Knochen teilweise noch im Pandschschir-Tal und anderswo in der afghanischen Sonne bleichen. Mit einer viel größeren Militärmacht hatte die Sowjetunion versucht, Afghanistan, den Hindukusch, in den Griff zu bekommen – vergebens. Auch dieses Unterfangen war von Anfang an, genau wie das unsere, zum Scheitern verurteilt.
Wodurch wir unser Unterfangen allerdings noch dynamisierten und vorantrieben, war, dass wir uns von Anfang an mit den übelsten Figuren dieses Landes verbündet und zusammengetan haben: mit Warlords, die eher vor ein internationales Gericht gehört hätten als an den Verhandlungstisch mit den Westmächten – Verbrecher im wahrsten Sinne des Wortes: Massenmörder, Drogenhändler, Waffenschieber, Vergewaltiger, all das. Stattdessen hätten wir uns auf die alten Stammesstrukturen, wie es der damalige König Zahir Schah immer wieder beschwor, verlassen und mit ihnen zusammenarbeiten müssen, auf die Maliks in den Dörfern und Regionen, die erfahren waren, auch in friedlichen Zeiten ihr Land voranzubringen. Das haben wir ignoriert. Wir haben uns mit den Warlords verbündet.
Ich war acht Jahre in Afghanistan als ARD-Korrespondent. Ich habe die Taliban in den 90er-Jahren bei ihrem Aufstieg genauso begleitet wie bei ihrem Fall und Wiederaufstieg in den Jahren 2003 bis 2005. Gemäß ihrem Motto „Ihr habt die Uhren – wir haben die Zeit“ haben sich die Taliban Schritt für Schritt dieses Land zurückerobert. Wir waren blauäugig im Umgang mit ihnen – mit Gutmenschentum, mit NGOs und anderem unterwegs.
Unsere Soldaten, zwar hoch motiviert, aber völlig unerfahren im asymmetrischen Krieg, hatten keine Chance. Die, die kämpfen wollten, wurden durch die „Rules and Regulations“, wie es so schön heißt, zurückgehalten. Und als der Oberst Klein in Kunduz endlich mal erfolgreich zugeschlagen hatte,
da jubelten die Afghanen landauf, landab, und in Deutschland ermittelte der Staatsanwalt. Das ist die Realität damals gewesen,
und der Deutsche Bundestag hat sich nicht mal schützend vor diese Soldaten gestellt.
Neun von zehn Soldaten in Afghanistan haben Afghanistan nie gesehen, weil sie nicht aus dem Camp rausgekommen sind – neun von zehn Soldaten! Wer kämpfen wollte, musste sich im Zweifelsfall bei einem korrupten Provinzgouverneur noch die Genehmigung zum Kämpfen holen. Wie absurd ist das denn!
Die Geldquelle der Talibs, der Drogenhandel, wurde von uns völlig ignoriert. Ich selber habe den damaligen Inspekteur Bagger zum Amudarja begleitet, der dann durch riesige Mohnfelder zurückfuhr und einfach die Augen verschloss, weil er es nicht sehen wollte, und der damalige Kommandeur in Kunduz ermahnte seine Soldaten, möglichst nicht mit dem Fotoapparat vor Mohnfeldern zu stehen und solche Bilder der Freundin zu schicken; das käme schlecht an in Deutschland. Wir haben die Geldquelle der Taliban munter blühen lassen, als sei es eine Gärtnereizucht. So gewinnt man keinen Krieg – den wir übrigens lange nicht mal als Krieg bezeichnen durften.
Ich kann nur darauf verweisen: Wenn Sie vom Flugfeld in Kunduz zum ehemaligen deutschen Camp fahren, dann sehen Sie auf der rechten Seite einen Haufen aus altem sowjetischen Militärschrott, der wie ein Menetekel jeden warnt, wie es einem am Hindukusch ergehen kann.
Die Sowjets haben übrigens ein paar Millionen bezahlt, um friedlich aus Afghanistan abzuziehen. Ich rate dem Außenminister, der sonst sehr viel Geld in der Welt verschenkt: Nehmen Sie im Zweifelsfall ein paar Millionen Euro in die Hand! Kaufen Sie die Sicherheit und Freiheit unserer Soldaten im Zweifelsfall mit ein paar Millionen Euro ein. Das ist gut investiertes Geld.
Ich hoffe allerdings, dass der Abtransport von 65 000 Bierdosen nicht das größte und schwierigste Unterfangen sein wird, sondern dass Sie daran arbeiten, unseren Soldaten einen ehrenvollen Abmarsch in Sicherheit und Frieden zu gewährleisten.