Lieber Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 1972 habe ich meine Ausbildung als Chemielaborantin in einer Tochterfirma der Hoechst AG in Wiesbaden begonnen. Das war eine sehr gute betriebliche Ausbildung: mit breitem Grundlagenwissen und einer vergleichbaren Qualität. Dieses Prinzip muss auch heute gelten,
egal ob ich meine Ausbildung in Frankfurt am Main oder in Frankfurt an der Oder mache.
Doch das System der dualen Ausbildung ist in Gefahr. Schon seit Jahren werden zu wenige Ausbildungsplätze angeboten. Corona hat die Situation noch mal verschärft. Im Abschlussbericht der Enquete-Kommission, wo Politiker/-innen auf Sachverständige trafen, stehen einige gute Vorschläge; okay. Doch entscheidende Grundlagen, die die Zukunft der betrieblichen Berufsausbildung im digitalen Zeitalter sichern, fehlen. So geht es nicht.
Wir sagen erstens: Es ist höchste Zeit, eine Ausbildungsgarantie einzuführen. Jeder junge Mensch muss das Recht haben, eine vollqualifizierte Ausbildung zu machen.
Heute gibt es trotz aller gegenteiliger Behauptungen nicht genügend Ausbildungsplätze für alle jungen Leute, und Jugendliche können nicht auswählen. Dabei sagte das Bundesverfassungsgericht 1980, dass das Angebot an Ausbildungsplätzen 12,5 Prozent über der Nachfrage liegen muss.
Wir sagen zweitens: Wir brauchen endlich eine Ausbildungsumlage. Wer nicht ausbildet, muss zahlen. Das ist doch klar.
Über 80 Prozent der Betriebe bilden nicht aus. Aber alle profitieren von gut ausgebildeten Fachkräften und beklagen darüber hinaus auch noch einen Mangel. So läuft das nicht. Wenn man die Betriebe, die nicht ausbilden, zur Kasse bittet, kann man mit dem Geld Ausbildung finanzieren und zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen, betrieblich und überbetrieblich. Das ist die Grundlage für die Ausbildungsgarantie.
Die Umlagefinanzierung gibt es in der Bauwirtschaft schon seit Jahren und seit Kurzem auch in der Pflege. Sie ist also keine Utopie.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es bleibt aber noch viel zu tun. Als Linke werden wir deshalb weiter Druck machen für gute Ausbildung für alle.
Das ist heute auch meine letzte Rede, Sie werden mich aber nicht los.
Ich werde das alles ganz genau beobachten, und wenn was nicht klappt, dann bin ich wieder da.
Vielen Dank.