Sehr geehrter Herr Präsident! Es ist schon komisch: Bei meiner letzten Rede muss ich mich wieder mit einem eher grobmotorischen Antrag der AfD beschäftigen, so wie bei meiner ersten Rede auch.
Sie haben nicht viel dazugelernt, Herr Brandner.
Ihnen begegnet etwas, was Sie nicht verstehen. Die Reaktion ist die übliche Reaktion von Ihnen: Sie fordern ein Verbot. Eine Auseinandersetzung mit dem Problem dahinter findet gar nicht statt. Die wollen Sie nicht; die passt Ihnen auch nicht. Denn der Ausgangspunkt, die Ungleichheit von Geschlechtern, existiert tatsächlich. Das ist keine angebliche Diskriminierung, sondern eine tatsächliche, die auch die Lebenserfahrung von vielen Menschen, vor allen Dingen von Frauen, in diesem Land mitprägt.
Nun kann man natürlich fragen, welche Lösung für dieses Problem angeboten wird. Wenn man einer ganz einfachen Logik folgt, dann stellt man fest: Sprache ist immer ein Herrschaftsinstrument gewesen und wird es immer sein. Sprache ist eine Waffe – vielleicht die mächtigste, die die Menschheit erfunden hat. Deswegen erscheint es naheliegend, zu sagen: Wir setzen die Sprache ein; das verändert das Denken; das verändert das Verhalten und dann auch die soziale Realität. – Das ist ziemlich einfach, ich finde, zu einfach gedacht. Die Idee ist vielleicht etwas kurzschlüssig.
Aber was auf jeden Fall grauenvoll ist, das ist die Ausführung dieser Idee, der wir bisweilen begegnen, meine Damen und Herren. Hier macht sich eine übertriebene Regelungswut breit, eine moderne Bilderstürmerei, bei der Kinder wegen nicht vollständigem Gendern in der Schule schlechtere Noten kriegen sollen.
– Die Forderungen gab es.
Ich halte das für gehobenen Unfug.
Wenn wir das konsequent zu Ende denken und überall unterschiedslos anwenden, dann werden wir eines Tages in den Geschichtsbüchern lesen, dass 1933 die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten die Macht ergriffen hätten.
Dass das so nicht geht, ist offensichtlich, meine Damen und Herren.
Schlimm wird es vor allen Dingen, wenn diese Lösungsansätze mit dem Impetus der moralischen Überlegenheit – der selbsternannten moralischen Überlegenheit – verbreitet werden
und man dem, der skeptisch ist, mit erigiertem Zeigefinger gegenübertritt und ihn belehrt, wie rückständig und dumm er im Grunde genommen sei.
Das ist der Ruf nach einer Sprachpolizei. Die Lebenswirklichkeit von vielen Menschen und ihre Zweifel werden hier gar nicht wahrgenommen.
Unsere Position ist die: Wir wollen solche Fragen diskutieren. Und ja, es steht jedem frei, welchen Sprachgebrauch er verwendet. Wir wollen das allerdings ohne erigierten Zeigefinger und moralische Überheblichkeit und ohne Sprachpolizei.
Wenn man den Antrag der AfD genau liest, erkennt man: Sie wollen eine Sprachpolizei.
Denn Sie verlangen ein Verbot von bestimmten Sprachformen, ein schlichtes Verbot. Das ist zu einfach, das ist der Ruf nach einer Sprachpolizei. Sprache lebt und entwickelt sich, meine Damen und Herren.
Sie kann nicht in der Petrischale feministischer Sprachlabore gezüchtet werden.
Man kann sie auch nicht im Eisschrank in einer braunen Bierflasche vor Veränderungen in Sicherheit bringen.
Wir müssen unsere Sprache pflegen, ja. Wir brauchen keine Sprachpolizei, weder eine emanzipationsgetriebene noch eine reaktionäre Sprachpolizei.
Wenn uns das gelingt, dann werden wir, dann werden Sie hier in diesem Haus weiterhin Debatten führen in einer Sprache, die wir vielleicht alle verstehen und die wir uns nicht gegenseitig vorwerfen müssen.
Die FDP wird diesen Antrag ablehnen.
Da wir am Ende sind, lassen Sie mich noch eines zum Thema Sprache sagen: Das war hier meine letzte Rede – keine Angst, es waren nicht meine letzten Worte!
Ich bedanke mich sehr und wünsche Ihnen und dem Haus und unserer Demokratie auch in Zukunft alles Gute.
Ich erteile das Wort der Abgeordneten Ulle Schauws, Bündnis 90/Grüne.