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236. Sitzung
Donnerstag, 24. Juni 202119. Wahlperiode, 236. SitzungKeine Verwendung der sogenannten gendergerechten Sprache durch die Bundesregierung
18 VermerkeReaktionswert: sehr hoch570 Wörter Im Protokoll lesen

Sehr geehrter Herr Präsident! Es ist schon komisch: Bei meiner letzten Rede muss ich mich wieder mit einem eher grobmotorischen Antrag der AfD beschäftigen, so wie bei meiner ersten Rede auch.

Sie haben ihn wieder nicht verstanden, Herr Martens! Geben Sie zu, dass Sie ihn wieder nicht verstanden haben!

Sie haben nicht viel dazugelernt, Herr Brandner.

Beifallbei der FDP

Ihnen begegnet etwas, was Sie nicht verstehen. Die Reaktion ist die übliche Reaktion von Ihnen: Sie fordern ein Verbot. Eine Auseinandersetzung mit dem Problem dahinter findet gar nicht statt. Die wollen Sie nicht; die passt Ihnen auch nicht. Denn der Ausgangspunkt, die Ungleichheit von Geschlechtern, existiert tatsächlich. Das ist keine angebliche Diskriminierung, sondern eine tatsächliche, die auch die Lebenserfahrung von vielen Menschen, vor allen Dingen von Frauen, in diesem Land mitprägt.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Zurufvon der AfD

Nun kann man natürlich fragen, welche Lösung für dieses Problem angeboten wird. Wenn man einer ganz einfachen Logik folgt, dann stellt man fest: Sprache ist immer ein Herrschaftsinstrument gewesen und wird es immer sein. Sprache ist eine Waffe – vielleicht die mächtigste, die die Menschheit erfunden hat. Deswegen erscheint es naheliegend, zu sagen: Wir setzen die Sprache ein; das verändert das Denken; das verändert das Verhalten und dann auch die soziale Realität. – Das ist ziemlich einfach, ich finde, zu einfach gedacht. Die Idee ist vielleicht etwas kurzschlüssig.

Aber was auf jeden Fall grauenvoll ist, das ist die Ausführung dieser Idee, der wir bisweilen begegnen, meine Damen und Herren. Hier macht sich eine übertriebene Regelungswut breit, eine moderne Bilderstürmerei, bei der Kinder wegen nicht vollständigem Gendern in der Schule schlechtere Noten kriegen sollen.

Zurufevom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Wo denn?
Zurufder Abg. Mechthild Rawert [SPD]

– Die Forderungen gab es.

Wo ist das denn?

Ich halte das für gehobenen Unfug.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD

Wenn wir das konsequent zu Ende denken und überall unterschiedslos anwenden, dann werden wir eines Tages in den Geschichtsbüchern lesen, dass 1933 die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten die Macht ergriffen hätten.

Oh, oh, oh!

Genau so ist es!

Dass das so nicht geht, ist offensichtlich, meine Damen und Herren.

Schlimm wird es vor allen Dingen, wenn diese Lösungsansätze mit dem Impetus der moralischen Überlegenheit – der selbsternannten moralischen Überlegenheit – verbreitet werden

Schade um die letzte Rede!

und man dem, der skeptisch ist, mit erigiertem Zeigefinger gegenübertritt und ihn belehrt, wie rückständig und dumm er im Grunde genommen sei.

Beifallbei der FDP sowie bei Abgeordneten der AfD

Was ist das für eine Debatte hier?

Das ist der Ruf nach einer Sprachpolizei. Die Lebenswirklichkeit von vielen Menschen und ihre Zweifel werden hier gar nicht wahrgenommen.

Unsere Position ist die: Wir wollen solche Fragen diskutieren. Und ja, es steht jedem frei, welchen Sprachgebrauch er verwendet. Wir wollen das allerdings ohne erigierten Zeigefinger und moralische Überheblichkeit und ohne Sprachpolizei.

Wenn man den Antrag der AfD genau liest, erkennt man: Sie wollen eine Sprachpolizei.

Wir wollen auch keine Sprachpolizei!

Denn Sie verlangen ein Verbot von bestimmten Sprachformen, ein schlichtes Verbot. Das ist zu einfach, das ist der Ruf nach einer Sprachpolizei. Sprache lebt und entwickelt sich, meine Damen und Herren.

Ja, genau!

Sie kann nicht in der Petrischale feministischer Sprachlabore gezüchtet werden.

Also Herr Martens! Also wirklich!

Das ist doch unter Ihrem Niveau!

Man kann sie auch nicht im Eisschrank in einer braunen Bierflasche vor Veränderungen in Sicherheit bringen.

Wir müssen unsere Sprache pflegen, ja. Wir brauchen keine Sprachpolizei, weder eine emanzipationsgetriebene noch eine reaktionäre Sprachpolizei.

Die will doch keiner! Mann, ich will die Freiheit haben, sagen zu können, was ich will! Ich will sagen können, was ich will! Das ist eine Frage der Freiheit!

Wenn uns das gelingt, dann werden wir, dann werden Sie hier in diesem Haus weiterhin Debatten führen in einer Sprache, die wir vielleicht alle verstehen und die wir uns nicht gegenseitig vorwerfen müssen.

Tun Sie doch nicht so, als ob wir immer die Polizei riefen! So ein Schwachsinn!

Die FDP wird diesen Antrag ablehnen.

Da wir am Ende sind, lassen Sie mich noch eines zum Thema Sprache sagen: Das war hier meine letzte Rede – keine Angst, es waren nicht meine letzten Worte!

Beifallbei Abgeordneten der FDP

Ich bedanke mich sehr und wünsche Ihnen und dem Haus und unserer Demokratie auch in Zukunft alles Gute.

Beifallbei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der AfD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Ich erteile das Wort der Abgeordneten Ulle Schauws, Bündnis 90/Grüne.