Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Ziele, die Wünsche, auch die Talente junger Menschen sind vielfältig. Ein Bildungssystem sollte diese Vielfalt, diese Selbstbestimmung nicht ausbremsen, sondern unterstützen und fördern. Ein gutes Bildungssystem, gerade in der beruflichen Bildung, unterstützt die verschiedenen Möglichkeiten, nach jeder Art von Abschluss wieder einen neuen Anschluss zu finden. Man muss dies auch flexibel über modularisierte Teilabschlüsse über den gesamten Lebensweg ermöglichen, und zwar je nach individueller Lebenssituation und Fähigkeiten. Das, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen, sichert Durchlässigkeit in unserem Bildungssystem, schafft Aufstiegschancen, und zwar jeden Tag neu, und macht Menschen stark, ihren Lebensweg in unserer Gesellschaft selbstbestimmt und mündig zu gehen.
Genau deswegen treibt es mich um und macht es mich besorgt, Frau Kollegin Fahimi, wenn wir immer mehr unversorgte Jugendliche haben, wenn über 2 Millionen junge Menschen ohne jeglichen Berufsabschluss dastehen; das sind 9 Prozent mehr als im Vorjahr, Frau Ministerin. Jeder von ihnen – jeder junge Mann, jede junge Frau – hat schon viele Frustrationserlebnisse gehabt und startet so, obwohl talentiert, mit wesentlich schlechteren Chancen in das Berufsleben. Von daher müssen wir uns sehr ernsthaft, nicht nur in Sonntagsreden fragen, was wir an dieser Stelle besser machen müssen.
Wir müssen bei der Ausbildungsfähigkeit besser werden. Frau Kollegin Fahimi, Sie müssen mal in die Ausbildungsunternehmen, in die Betriebe hineingehen
und schauen, welche Mängel dort gesehen werden. Wir müssen nicht nur im Bereich der Kenntnisse und Kompetenzen, sondern auch beim Leistungswillen ansetzen.
Wir brauchen eine passgenauere Berufsvermittlung und Berufsorientierung, mehr modularisierte Angebote und begleitende Ausbildungshilfen. Aber der Schlüssel ist, wie ich glaube, die berufliche Bildung wieder attraktiver zu machen, damit wir mehr junge Menschen dafür interessieren und sie insbesondere auf dem anstrengenden Weg der beruflichen Bildung auch bei der Stange halten.
Doppelt qualifizierende Abschlüsse – Berufsabschluss plus Schulabschluss, Berufsabschluss plus Studienabschluss – können ein Weg sein. Auch Hochbegabte dürfen hier nicht aus den Augen verloren werden.
Darüber hinaus müssen wir endlich die neuen Berufsbilder umsetzen und die Berufe an die veränderten Anforderungen anpassen. Der Tischler plant längst in 3D die komplette Wohnzimmerwand. Der Elektriker ist zum Smarthome-Manager geworden. Es kann nicht sein, dass wir in einer gesamten Legislaturperiode nur 48 von 327 Ausbildungsberufen neu ordnen und davon nicht einmal die Hälfte mit einem digitalen Bezug.
Nein, wir brauchen eine qualitätsvollere, eine spannendere Ausbildung. Das kann man überall im Ausland schon beobachten. Ich glaube, dass es uns guttäte, durch mehr Investitionen als bislang vorgesehen, gerade beim Digitalpakt, Frau Kollegin Karliczek, die Berufsschulen und die Ausbildungsunternehmen fitzumachen, damit wir die berufliche Bildung weiterhin als Zukunftsmodell exportieren können.
Herzlichen Dank.