Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! In unserem Bildungs- und Forschungssystem gibt es strukturelle Probleme, die wir seit vielen Jahren kennen, aber nicht wirklich gut in den Griff bekommen. Dazu gehört – das muss man ehrlicherweise einräumen –, dass der Bildungserfolg in Deutschland mehr als in anderen europäischen Ländern von der Herkunft der Kinder abhängt. Das heißt, der wahrscheinliche Bildungserfolg eines Kindes, das sich seine Eltern ja nicht aussuchen kann, ist durch seine Herkunft geprägt. Das ist ungerecht. Das ist eine enorme Verschwendung von Ressourcen, von Talent, unserer einzigen Rohstoffquelle, was langfristig die Demokratie aushöhlen kann, weil es niemandem zu erklären ist, weder den Betroffenen noch den Eltern. Insofern glaube ich, dass wir den Schwerpunkt unserer Arbeit zunächst auf eine bessere Förderung der Kinder legen müssen; denn die Kinder sind diejenigen, die langfristig darüber bestimmen werden, ob wir eine Zukunft haben, ob das Land sich gut oder schlecht entwickelt.
Das Bildungssystem hat am Anfang und am Ende Schwächen. Ich bin selbst Wissenschaftler und lese jeden Tag wissenschaftliche Studien; ich gehe nach wie vor meiner wissenschaftlichen Leidenschaft nach. In den Bereichen der Biotechnologie und der Medizin ist es traurigerweise so, dass ich bei meiner oft viele Stunden dauernden Lektüre nicht auf eine einzige deutsche Studie treffe; das ist seit vielen Jahren so. Der Abstand zum Beispiel zu den Vereinigten Staaten ist größer geworden. In der Medizin und in der Biotechnologie ist keine deutsche Universität unter den 40 am häufigsten zitierten und am höchsten gerankten wissenschaftlichen Einrichtungen. Die Charité, die größte deutsche Universitätsklinik in der Hauptstadt, belegt lediglich den 300. Rang. Das heißt, wir sind in vielen Bereichen abgeschlagen. Der Abstand wird größer. Das ist ein Thema, das man ernsthaft und ehrlich thematisieren muss.
Wenn wir dem begegnen wollen, dann brauchen wir das, was bei Frau Karliczek schon zur Sprache kam. Es ist vielleicht etwas abstrakt formuliert, aber wir brauchen einen nationalen Bildungsneubeginn, einen nationalen Bildungspakt. Wir brauchen nationale Bildungsstandards. Wir müssen uns in allen Bereichen die Frage stellen: Wie können wir das nationale Bildungs- und Forschungsniveau weiterentwickeln, um langfristig konkurrenzfähig zu sein?
Das beginnt mit der Schule. Ich bin mit Ihnen, Herr Frömming, einer Meinung. Die Studie, die Sie eben zitiert haben, hat gezeigt, dass der Leistungserfolg der Schüler nicht von der Bildung abhängt. Darum geht es aber auch nicht. Es geht darum, mit der Digitalisierung die Kinder auf die Nutzung digitaler Produkte, Technologien, künstlicher Intelligenz und Robotik vorzubereiten.
Das heißt: Man darf den sokratischen Ansatz nicht gegen die Digitalkenntnis ausspielen. Wir brauchen den DigitalPakt; dafür haben wir auch gekämpft. Es war problematisch, dass die Mittel nicht etatisiert waren. Aber es ist ein Erfolg, dass sich Olaf Scholz hier bewegt hat und wir jetzt die 2,4 Milliarden Euro aus dem Digitalfonds nutzen können. Wir werden sie nicht komplett für die Schulen einsetzen können; aber wir können einen entschleunigten Einstieg wagen. Das ist sehr wichtig, weil wir sonst in diesem Bereich nicht weiterkommen werden.
Wir müssen aber auch diejenigen fördern, die das Bildungssystem bereits durchlaufen haben. Künstliche Intelligenz und Robotik werden dazu führen, dass viele Berufe zwar nicht verschwinden, aber durch die Unterstützung dieser Methoden ein Phänomen erleben, das man „Deskilling“ nennt. Das heißt: Ich muss weniger qualifiziert sein, weil mir die künstliche Intelligenz hilft. – Das führt zu einem massiven Qualifikations- und auch Einkommensverlust, weil mit weniger Qualifikation die gleiche Arbeit geleistet werden kann. Das betrifft alle Berufe, sogar den Beruf des Radiologen. Mittlerweile ist die künstliche Intelligenz einem erfahrenen Radiologen bei einigen Tumorerkrankungen überlegen; denn ein erfahrener Radiologe sieht den Tumor vielleicht 20- oder 30-mal im Laufe eines Monats, aber das Programm der künstlichen Intelligenz sieht ihn 10 000-mal beim Anlernen und danach jeden Tag und wird jedes Mal besser. Das werden wir in jedem Beruf erleben.
Wenn wir dem begegnen wollen, wenn wir den Vorteil, den wir derzeit haben, behalten wollen, der darin besteht, dass wir um unser duales System international beneidet werden und es wettbewerbsfähig ist, dann müssen wir diejenigen, die jetzt im System sind, aufwerten. Diese Aufwertung ist nur möglich, wenn wir in Weiterbildung, in Meisterschulung, in Meister-BAföG und Ausbildungsprogramme investieren. Wir dürfen diejenigen, die das Bildungssystem bereits durchlaufen haben, nicht zurücklassen. Nur so werden wir langfristig den Anschluss behalten und unser gutes System verteidigen können.
Ich komme zum Schluss. Bei der Forschungsproblematik, über die ich am Anfang gesprochen habe, spielt eine gewisse Rolle, dass wir einen großen Teil der Forschungsmittel, die wir zur Verfügung haben, institutionell vergeben. Wir vergeben sie nicht für große, zukunftsorientierte Projekte, sondern an Einrichtungen. Ich bringe ein Beispiel: In England gibt es das UK-Biobank-Projekt, ein Projekt, das sich mit Gentechnik und Proteomik beschäftigt. Allein in dieses Projekt fließen jährlich 500 Millionen Euro, über einen Planungshorizont von zehn Jahren. Das ist nur möglich, weil dort große Mittel zur Verfügung stehen, die projektbezogen an Spitzeneinrichtungen verteilt werden können und nicht Institutionalisiert vergeben werden müssen. Darüber müssen wir nachdenken. In dem Bereich brauchen wir mehr Transparenz.
Ich bin selbst Forscher und stehe sozusagen eher am annehmenden Ende.