Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir debattieren über einen Antrag der FDP-Fraktion, mit dem nichts weniger als die „Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ gesichert werden soll. Dafür sollen Bildung und Forschung in den Mittelpunkt gestellt werden. Das klingt nicht nur aufgesetzt und großspurig, das ist es auch, passt aber vielleicht ganz gut zum neuen Image der FDP.
Und so geht es dann weiter: Nicht gute oder bessere Bildung, nein, „weltbeste Bildung“ soll es sein.
Wer sollte da etwas dagegen haben? Deutschland hat insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert
auf dem Gebiet der Bildung großartige Pionierleistungen vollbracht. Man nannte das 18. Jahrhundert nicht umsonst das pädagogische. Bildung wurde in dieser Zeit verstanden als ein Prozess der Entfaltung und Entwicklung aller in einem Individuum angelegten positiven Eigenschaften.
Es war zugleich das Zeitalter der Aufklärung, die Zeit von Kant, Goethe, Schiller, Herder und Lessing, um nur einige der Bekannteren zu nennen. Aber es ist natürlich völlig altmodisch, bei einem Thema wie Bildung an Namen wie diese zu erinnern.
Bildung hat seit dem Siegeszug der sogenannten Kompetenzen, die Sie auch in Ihrem Antrag erwähnen, nur noch am Rande mit Wissen zu tun. Die Methodik ersetzt die Didaktik, technische Geräte ersetzen das eigene Denken,
und Bildung droht zur mess- und verwertbaren Ware zu verkommen.
Um sie messen zu können, braucht es die Standards, die auch die FDP fordert, am besten bundesweite oder, noch besser, weltweite Standards. Lobbyorganisationen wie die OECD und das PISA-Konsortium arbeiten bereits daran.
Meine Damen und Herren, wir müssen den Einfluss von profitorientierten Firmen auf unser Bildungssystem unterbinden. Wir müssen dem weltweit zunehmenden Bildungskolonialismus einen Riegel vorschieben und wieder unseren Lehrern statt den Algorithmen der Testindustrie vertrauen. PISA und die globale Bildungsindustrie bedrohen unser nationales Bildungssystem, das unter dem Strich immer noch besser ist als das vieler anderer Länder.
Schmeißen wir diese Konzerne raus! Beenden wir die unsinnigen Tests, die nur Zeit und Geld kosten!
Zum mechanistischen, enthumanisierten Bildungskonzept dieser Konzerne passt die Digitalisierung übrigens hervorragend. Digitalisierung scheint auch für die FDP und einige andere in diesem Hause inzwischen geradezu ein Synonym für Bildung geworden zu sein – eine fatale Verwechslung.
Selbst wenn morgen wie durch Zauberhand jeder Schüler in Deutschland ein iPad vor sich auf dem Tisch liegen hätte, würde sich am Bildungsstand dieser Nation nichts, aber auch gar nichts verändern.
Wichtig, liebe Frau Kollegin, wäre insbesondere die Stärkung des Informatikunterrichts; aber das haben Sie in Ihrem Antrag vergessen. Da müsste man etwas tun. Das taucht bei Ihnen leider überhaupt nicht auf.
Geht es nach Ihrem Antrag, sollen die Länder sich verpflichten, ihre Lehrkräfte auch mit Eigenmitteln in Digitalkompetenz – was auch immer das sein soll – fortzubilden. Sie wollen in die Landeshaushalte eingreifen. Lehrer und Schüler, wir alle sollen lebenslang lernen
und zum Beispiel einen Digitalführerschein erwerben – was auch immer das sein soll.
Darf man – frage ich Sie – ohne diesen Führerschein dann eigentlich nicht mehr ins Internet? Die FDP stand doch mal für Freiheit.
Beim Thema Bildungsföderalismus haben Sie auch den Anschluss an die Linken gefunden und übernehmen wie selbstverständlich den politischen Kampfbegriff des sogenannten Kooperationsverbotes,
das man dringend abschaffen müsse.
Meine Damen und Herren, die FDP regiert in NRW mit, stellt sogar die Bildungsministerin. Zeigen Sie doch mal, dass Ihre Vorschläge funktionieren! Führen Sie uns das in NRW vor! Wenn es dann klappt, werden die anderen Länder Ihnen sicherlich gerne folgen, und wir müssen dann nicht einmal das Grundgesetz antasten.
Ich danke Ihnen.