Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Die FDP hat einen typischen Schaufensterantrag vorgelegt, mit dem Titel „Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands sichern“. Das ist so etwas wie das Bildungs- und Forschungsprogramm einer imaginären FDP-Alleinregierung. Bei aller Sympathie für einzelne Aspekte des Antrags, muss man doch froh sein, dass solch eine Alleinregierung nicht besteht.
Sie würde nach der allzu simplen Maxime handeln: Je radikaler und schneller der Wandel, desto besser. – Das in dem Antrag massiv propagierte lebenslange Lernen entfaltet so ein unterschwelliges Drohpotenzial, für das die FDP in ihrer grenzenlosen Digitaleuphorie offenbar blind ist.
Wer nämlich irgendwann nicht mehr fähig ist, sich nach der „schöpferischen Zerstörung“ seiner Firma oder seiner Branche immer wieder und wieder neu zu erfinden und völlig umzulernen,
für den ist nicht wirklich Platz in dieser schönen neuen digitalen Welt.
Bildung, werte Kollegen von der FDP, heißt, sich neue Technologien auf der Grundlage bewährter Kulturtechniken anzueignen und sich ihnen nicht bedingungslos unterzuordnen.
Denken Sie vielleicht einmal über das Bonmot von Harald Schmidt nach: „Je proll, desto digi.“
Der Stimmung nach vermittelt Ihr Antrag eine Art von Torschlusspanik. Mir kam beim Lesen folgendes Bild in den Sinn: Da rast ein Zug in die Zukunft, und der deutsche Michel steht mit der Schlafmütze daneben
und wird sich, wenn er nicht schleunigst aufspringt, bald in einem biedermeierlichen Freilichtmuseum wiederfinden. Dort kommen ihn dann Chinesen und Amerikaner besuchen, um zu sehen, wie man früher so lebte.
Das ist natürlich grell überzeichnet; aber da ist auch etwas dran. Das muss man eingestehen.
Richtig ist: In der deutschen Wissenschafts- und Forschungspolitik sind seit Jahrzehnten die Weichen falsch gestellt worden. Mit dem Bologna-Prozess hat eine wissenschaftsfeindliche Verschulung des Studiums stattgefunden. Man hat ohne Not die bewährten Diplom- und Magisterstudiengänge aufgegeben; man hat den international hoch angesehenen deutschen Diplomingenieur durch Bachelor und Master ersetzt, wofür wir in den USA, wo wir damit ja Anschluss finden wollen, im Übrigen nur Kopfschütteln geerntet haben.
Die Dominanz der Projektförderung in der Forschung, hauptsächlich nach EU-Vorgaben, und die damit verbundenen Antrags- und Berichtspflichten haben zu einer exorbitanten Mehrbelastung der Forscher mit wissenschaftsfremden Aufgaben geführt. All die EU-Programme und Initiativen, die der Wissenschaft übergestülpt werden, sind im Wesentlichen für eines gut, nämlich eine neue Kaste von Bürokraten und Wissenschaftsmanagern zu nähren, die selbstreferenziell dafür sorgt, dass die bürokratischen Mühlen mahlen und ihre eigene Reproduktion gesichert ist. Zum Wohle der Wissenschaft ist das nicht.
Gute Wissenschaft gibt es weiterhin in Deutschland, aber nicht wegen, sondern trotz dieser bürokratischen EU-Programme, meine Damen und Herren. Hinzu kommt noch der schädliche Einfluss der Ideologie. Das Gender-Mainstreaming,
das den Aberwitz der Genderideologie auch in seriöse Forschungsfelder hineinträgt, hat inzwischen einen ähnlichen Status erreicht wie weiland der Marxismus-Leninismus in der DDR.
Alle müssen diesen Gessler-Hut grüßen, wenn sie weiterhin in Ruhe forschen wollen und nicht einer neuen Inquisition zum Opfer fallen wollen. Das bedeutet eine schleichende Korruption des freien Forschergeistes, meine Damen und Herren.
Kein Wunder, dass seit vielen Jahren ein Braindrain stattfindet, auch deswegen übrigens, weil die Arbeits- und Karrierebedingungen der Wissenschaftler hierzulande nicht gut genug sind. Ebenso wie die Millionäre verlassen auch die klügsten Köpfe scharenweise unser Land.
Und bei aller Notwendigkeit der künstlichen Intelligenz: Diese klugen Köpfe werden wir durch KI nicht ersetzen können.
Man müsste endlich ernst machen mit der vielbeschworenen Autonomie der Universitäten und Forschungsinstitute. Lassen wir die Wissenschaft sich aus ihrer Eigenlogik heraus entwickeln. Statten wir sie mit ausreichenden Mitteln aus, aber überlagern wir sie nicht mit bürokratischen Programmen, mit Ideologie und mit staatlichen Strukturvorgaben.
Vielen Dank.