Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! CDU und CSU sind grundsätzlich bereit – das gilt für die gesamte Legislaturperiode und insbesondere in Bezug auf die Sahelregion –, die Bundesregierung und die Ampelkoalition in den zentralen außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen zu unterstützen. Das setzt allerdings voraus, dass die Bundesregierung eine Strategie hat, die dann auch noch vollständig von der Koalition unterstützt wird.
Wir haben zuletzt beim Thema China erlebt und es heute in der Fragestunde noch mal herausgearbeitet, dass sich diese Koalition schwertut, geschlossen politische, außenpolitische, sicherheitspolitische Strategien zu verfolgen. Das sehen wir bedauerlicherweise auch am Beispiel der Sahelregion und des neuen Mandates, das Sie hier vorstellen. Deswegen machen Sie es uns nicht leicht, Sie trotz der richtigen Intention bei der Mission in dieser Region, die relevant ist für Europa, für unsere Sicherheit und für Fragen der Humanität, zu unterstützen.
Diese Region, die Sahelregion, wurde vor dem Ukrainekrieg, auf den sich jetzt natürlich alles konzentriert, als Krisenbogen an Europas südlicher Peripherie vom Atlantik bis zum Südkaukasus beschrieben. Dieser Krisenbogen besteht fort: von Mali über Burkina Faso, Niger, Tschad, Libyen, die Zentralafrikanische Republik, hochaktuell dem Sudan bis nach Tigray. Bewaffnete Konflikte, internationaler Terror, Instabilitäten, politische, ethnische, religiöse, wirtschaftliche Spannungen, bittere Armut und Zerstörung bestimmen in dieser riesigen Zone das Bild. Dazu kommt exakt an den gleichen Orten der zunehmende Versuch russischer Einflussnahme und Intervention, vor allem über die sogenannte Wagner-Gruppe, die scheinbar überall ihre Finger im Spiel hat.
All diese Hotspots gehen uns in Europa etwas an, sehr viel sogar; denn dies ist unsere unmittelbare bzw. mittelbare Nachbarregion. Geografisch täuschen die oft gewaltigen Dimensionen; denn Mali, Niger und Libyen haben fast kontinentale Dimensionen, doch sie hängen alle auf das Engste miteinander zusammen. Es bringt also nichts, mit einzelnen Maßnahmen, Instrumenten oder einzelnem Engagement zu helfen; das wäre strategisches Stückwerk. Es braucht ein international und national abgestimmtes Bündel von Instrumenten, um mit dieser Herausforderung umzugehen. Und genau dieses Instrumentarium bleiben Sie uns schuldig, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Sie wollen uns ernsthaft vorschlagen und es hier im Bundestag durchsetzen, dass die Bundeswehr in dem MINUSMA-Mandat in Mali noch über ein Jahr gebunden bleibt. Bisher haben Sie das offiziell damit begründet, dass die Wahlen in Mali abgesichert werden sollten. Davon rücken Sie jetzt in den Ausschussberatungen schon wieder ab. Ich frage die Bundesregierung: Was ist Ihre Strategie für Mali? Wie lange soll dieses Mandat fortgesetzt werden?
Herr Verteidigungsminister, Sie haben dazu öffentlich gesagt: Das Mandat in Mali macht unter den aktuellen Bedingungen überhaupt keinen Sinn mehr. – Wenn das die Meinung des Bundesverteidigungsministers ist, dann muss das Mandat in Mali beendet werden. Die Soldatinnen und Soldaten müssen so schnell wie möglich – spätestens bis Jahresende – abgezogen werden, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Jetzt legen Sie uns ein neues Mandat für Niger vor. Wir waren in den vergangenen Jahren mit der Mission Gazelle durchaus erfolgreich. Deswegen ist es grundsätzlich richtig, darüber nachzudenken, wie man das fortsetzt; vollkommen klar. Dennoch sind etliche Fragen offen, und die sind nach Ihrer Rede, Frau Ministerin, nach wie vor offen. Was genau ist das Ziel unseres Engagements in Niger? Und ist genau diese geplante Mission das richtige Mittel dafür?
Müssen wir uns nicht ehrlich machen, dass wir entweder robust gegen die Terrorgruppen vorgehen – all die schönen Dinge für die Familien, die vorhin beschrieben wurden, sind ja nicht ohne Weiteres möglich, sondern sie müssen robust durchgesetzt werden gegen die Terrorgruppen, die in diesem Land wüten –
oder zusehen müssen, wie ein Landstrich nach dem anderen in der Region an die Terrorgruppen fällt
oder an die Wagner-Truppen aus Russland, die dann die vermeintliche Drecksarbeit machen? Beantworten Sie doch mal die Frage, wie das schöne Bild, das die Bundesaußenministerin hier zu Recht gezeichnet hat – die Vorstellung, wie es friedvoll in Niger sein sollte –, praktisch umgesetzt werden soll. Wollen Sie das ernsthaft mit 60 deutschen Soldaten in Niger umsetzen? Das ist doch reine Illusion!
Mit welchen Partnern werden wir uns langfristig dort engagieren? Machen wir das langfristig? Die Ministerin hat gesagt, es sei klar definiert, wann wir wieder rausgehen. Wie wollen Sie in diesem klar definierten Zeitraum – nach einem Jahr – mit 60 Soldatinnen und Soldaten aus Deutschland, die sicherlich guten Willens und hervorragend ausgebildet sind, die Ziele erreichen, die hier gerade so romantisch beschrieben worden sind? Ist das ein Engagement für eine längere Zeit? Wollen wir langfristig dort bleiben, oder es ist Ihr Plan, nur übergangsweise dort zu bleiben, um den Abzug aus Mali zu überspielen?
Meine sehr verehrten Damen und Herren, es sind viele Fragen offen. Es ist auch die Frage offen, warum die Mission Gazelle nach vielem Hin und Her und auf Forderung der Grünen und der SPD mandatiert worden ist, aber die neue Mission TORIMA nicht mandatiert wird. Warum geschieht das nicht? Wie wichtig ist Ihnen eigentlich Parlamentsbeteiligung? Und schlussendlich die Frage: Hat die Bundesregierung überhaupt einen strategischen Plan für die Sahelregion insgesamt? Wir haben darüber bisher nichts gehört.
All das werden wir in den Ausschussberatungen aber von Ihnen erwarten können, wenn Sie ernsthafterweise von uns verlangen, dass wir politische Mitverantwortung übernehmen und dieses Mandat unterstützen. Es ist sehr viel Arbeit zu tun für die Bundesregierung.
Herzlichen Dank.
Das Wort hat der Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius.