Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Neulich habe ich einen ganz interessanten Fakt gelernt: Alleinerziehende Frauen arbeiten im Durchschnitt 14 Stunden am Tag. 14 Stunden! Meine Mutter ist auch alleinerziehend; für sie war das nicht so eine Überraschung. Aber was uns dann so richtig aus den Socken gehauen hat, ist: Verheiratete Frauen, die Kinder haben, arbeiten 14,5 Stunden am Tag. Dass man einen Partner hat, sorgt anscheinend nicht für Entlastung.
– Ich sehe schon, dass das einige kennen.
Anscheinend muss man dem Partner dann auch noch hinterherräumen.
Ich weiß ja, dass die Union den Achtstundentag abschaffen möchte; aber 14 Stunden finde ich dann doch ein bisschen übertrieben. Da fragt man sich doch: Was machen die Frauen denn den ganzen Tag, 14 Stunden lang? Ein schönes Leben in Lifestyleteilzeit ist es ja wohl nicht.
Nun, sie halten den Laden am Laufen. Neben der Erwerbsarbeit übernehmen Frauen den Löwenanteil der Sorgearbeit, also kochen, putzen, pflegen, erziehen, organisieren und nebenbei an alles denken.
In der Pandemie hat man gesehen, was wirklich systemrelevant ist: Pflege, Bildung, Supermärkte, Soziales – das sind alles Bereiche, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten. Und das alles ist schlecht bezahlt, oft prekär und trotzdem absolut unverzichtbar, wenn es denn überhaupt bezahlt wird.
Denn Frauen leisten in Deutschland jedes Jahr zusätzlich zu ihrer Erwerbsarbeit 72 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit – 72 Milliarden! Im Vergleich: Das Gesamtvolumen der Erwerbsarbeit, die in Deutschland geleistet wird, liegt bei 60 Milliarden Stunden. Frauen tragen also mit ihrer unsichtbaren Arbeit die Gesellschaft.
Und was bekommen wir dafür? Finanzielle Abhängigkeit, Altersarmut, schlechteren Zugang zu Gesundheitsversorgung und einen Staat, der Gewalt gegen Frauen immer noch stiefmütterlich behandelt. Und dann stellt sich der Kanzler hin, und zwar derselbe Kanzler, der sich die letzten 30 Jahre gegen ungefähr jede Verbesserung im Frauenrecht gestellt hat, manchmal sogar gegen die eigene Fraktion, und sagt, wir sollten noch mehr arbeiten. Wofür eigentlich? Damit die Wirtschaft brummt? Die Wirtschaft strauchelt doch nicht, weil Frauen zu wenig schuften, sondern, weil Vermögen und Gewinne immer weiter oben kleben bleiben.
71 Prozent der deutschen Privatvermögen gehören Männern. Während sie Vermögen anhäufen, sagen sie den Frauen, sie sollten doch mal ein bisschen mehr schuften gehen.
Ich würde sagen: Es reicht! Wenn wir am 8. März auf die Straße gehen und skandieren: „Schlechtes Wetter, harte Zeiten, für den Feminismus fighten!“, dann meinen wir genau das. Wir kämpfen auch für Umverteilung, für eine Vermögen- und Milliardärsteuer, weil Gleichstellung auch eine Frage des Geldes ist.
Das ist kein Naturgesetz, das ist Politik. Und es ist unsere Aufgabe, das zu ändern.
Wir können zum Beispiel erst mal das Ehegattensplitting abschaffen, das den Anreiz zu finanzieller Abhängigkeit vom Ehemann setzt. Wir könnten den Mindestlohn armutsfest machen; davon würden vor allem Frauen profitieren.
Wir könnten die Tarifbindung erhöhen mit einem Gesetz, das nicht verwässert ist.
– Ich habe als Reinigungskraft gearbeitet, Herr Reichardt.
Drittes Buch Mose, drittes Kapitel.
Wir könnten massiv in Betreuungsmöglichkeiten investieren; das wäre mal was.