Sehr geehrte Präsidentin! Werte Kollegen! Die Toten werden bemüht, wenn es politisch passt,
nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zum Zweck. Wieder trampeln Sie auf den Gräbern der Opfer herum.
Unsere Geschichte beginnt elf Jahre vor dem Unfall, 1975 im Kernkraftwerk Leningrad. Der erste sowjetische RBMK-Reaktor vollzieht in der Nacht des 30. November eine unerklärte Leistungsexkursion. Ein Brennstoffkanal reißt, Radioaktivität wird freigesetzt. Die zuständigen sowjetischen Behörden vertuschen das Geschehen. Ein Reaktor mit positiver, rückkoppelnder Reaktivität, der davonläuft und havariert, den unterstellt man dem kapitalistischen Westen. Im überlegenen Sozialismus kann es das nicht geben; denn es ist durch die Sowjetregularien untersagt. Also gibt es das nicht. So einfach ist die Apparatschik-Welt.
Eine Warnung vor diesen Zuständen in den Betriebsanweisungen und damit in der Ausbildung der Reaktorfahrer existiert nicht; denn es gibt sie ja nicht.
Dennoch: Das Design wird verändert. Wirtschaftliche Gründe werden angeführt. Die Begründung für diese Änderungen und die Gefahr, vor der diese Änderungen schützen sollen, werden in der Dokumentation verschwiegen. Nur ein kleiner Personenkreis kennt diese Gründe. Keine dieser Personen wird am 26. April in der Leitwarte sein. Karrieren stehen auf dem Spiel. Das Dogma der nuklearen Überlegenheit der Sowjetunion darf nicht infrage gestellt werden, auch dann nicht, wenn der Vorzeigereaktor in Wahrheit eine tickende Zeitbombe ist. Also wird geschwiegen und vertuscht.
1983 erfolgt der experimentelle Nachweis des positiven Scram-Effektes im Kernkraftwerk Ignalina. Die Gefahr ist real. Wieder keine Konsequenzen, wieder Schweigen. Zwei Jahre vor dem Unglück triumphiert Ideologie über Vernunft. Der schwere Fehler wird erkannt. Gehandelt wird nicht. Es geht um Macht, Privilegien und den sozialen Status innerhalb der roten Nomenklatura. Parallelen zu unserer Energiepolitik sind nicht zufällig.
Nach der Katastrophe ist es die gleiche rote Bourgeoisie, die dem Westen ihre Lügengeschichte auftischt: Die Reaktorfahrer – die meisten sind verstorben – wären die Hauptschuldigen. Die im INSAG-1-Bericht der IAEA niedergelegte Version ist eine sorgfältig konstruierte Lüge, produziert im Imperium der Lügen und der Potemkinschen Dörfer. Der überarbeitete INSAG-7-Bericht stellt das erst sechs Jahre später richtig. Er stellt fest, dass das RBMK-Konzept entgegen den geltenden Vorschriften Betriebszustände zuließ, die zu unkontrollierbarer Leistungsexkursion führten, dass diese Zustände den verantwortlichen Institutionen der UdSSR seit Jahren bekannt waren, keine Abhilfe geschaffen wurde und diese Tatsachen in der Ausbildung und in Handbüchern der Bedienungsmannschaft verschwiegen wurden.
Meine Damen und Herren, es waren sechs Männer der Nachtschicht des 26. April, die, als der Reaktor havarierte, sofort zu den Ventilen des Notkühlsystems vordrangen, um diese zu öffnen. Sie standen knietief in auslaufendem heißem, radioaktivem Kühlwasser. Die Strahlung so hoch, dass zwei Monate später keiner mehr am Leben sein würde. Dass der Kühlkreislauf, in den sie einspeisen wollten, in Fetzen hing und der Reaktorkern, den sie kühlen wollten, in Bruchstücken um das Gebäude verteilt war, tut der Opferbereitschaft dieser Männer keinen Abbruch. Diese Männer wussten alles, was ein paranoides Staatssystem bereit war mit ihnen an Informationen zu teilen, und sie handelten, ohne zu zögern. Diese Männer hatten die Qualität, das Unglück zu verhindern, wenn das gerontokratische Sowjetsystem sie gelassen hätte.
Ich widme meine Rede dem Andenken dieser Männer – Aleksandr Akimow, Aleksandr Kudrjawtsew, Walerij Perewostschenko, Wiktor Proskurjakow, Anatolij Sitnikow, Leonid Toptunow – und den anderen Opfern dieser vermeidbaren Tragödie.