Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Weshalb führen wir heute diese Debatte? Weil für viele schwerkranke Menschen eine Organtransplantation die einzige Möglichkeit ist, weiter leben zu können.
Wir haben es gehört: Es gibt weniger als 1 000 Organspender pro Jahr in Deutschland und demgegenüber mehr als 8 000 Menschen auf der Warteliste. Die Folge: Tag für Tag sterben Menschen, die vergeblich warten. Ich finde, das ist eine Situation, die unerträglich ist.
Weshalb spreche ich heute an dieser Stelle? In der Vergangenheit habe ich wie die Mehrheit des Hauses die Auffassung vertreten, dass es eine aktive Zustimmung braucht, um Organspender zu werden, und ich hatte darauf gehofft, dass all die Maßnahmen, die wir ja ergriffen haben – mehr Informationen, Aufklärung und vieles mehr –, zu mehr Organspenden führen würden. Aber die Zahlen sind nicht wirklich gestiegen. Wir müssen heute ehrlich feststellen: All die Bemühungen der Vergangenheit, sie reichen nicht.
Und, meine Damen und Herren: Wenn man doch erkennt, dass ein bisheriger Weg nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt, muss man dann nicht bereit sein, einen neuen Weg einzuschlagen? Wir müssen, finde ich, bereit sein, einen neuen Weg einzuschlagen. Das schulden wir den vielen Menschen, die auf eine Organspende warten.
Deswegen: Ich finde es jedenfalls ethisch nicht länger vertretbar, den bisherigen Weg weiterzugehen, und deswegen werbe ich heute für die Einführung der Widerspruchsregelung.
Und, meine Damen und Herren – wir haben es eben gehört –, es wird infrage gestellt: Bleibt es eine freie Entscheidung? Ja, es bleibt eine freie Entscheidung. Organspende bleibt freiwillig. Niemand wird gezwungen.
Und andere Länder zeigen doch: Sie haben gute Erfahrungen damit gemacht. All unsere Nachbarländer haben die Widerspruchsregelung eingeführt. Jene 14 Länder in Europa mit den höchsten Zahlen haben allesamt die Widerspruchsregelung. Das heißt, es gibt doch die berechtigte Hoffnung, dass auch in Deutschland die Zahlen hochgehen werden, wenn wir die Widerspruchsregelung einführen.
Ein Mann schaut heute dieser Debatte besonders aufmerksam zu. Es ist Klaus Lienert. Klaus Lienert litt an einer Lungenfibrose. Er konnte kaum mehr drei, vier Schritte gehen, er hat keine Luft mehr bekommen. Die Ärzte sagten ihm, er werde seinen nächsten Geburtstag nicht mehr erleben. Es drohte der Erstickungstod. Die einzige Chance war eine neue Lunge. Und er hat eine neue Lunge bekommen. Es war pures Glück.
Viele Menschen in einer solchen Situation haben dieses Glück nicht. Und heute, zwölf Jahre später, ist Klaus Lienert topfit. Er führt ein hoch engagiertes, ein glückliches Leben, und er hat mir vor dieser Debatte eines mit auf den Weg gegeben: Bitte führt die Widerspruchsregelung ein, damit mehr Menschen in unserem Land dieses Glück erfahren dürfen!