Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kollegen! Als der Zweite Weltkrieg vor 80 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete, war dies die Befreiung der Deutschen und Europas von der nationalsozialistischen Gewalt- und Terrorherrschaft.
„Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen,“ –
– so führte Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede aus –
„welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.“
Ende des Zitats.
Für meinen Vater Josef aus dem oberschlesischen Dorf Krug im Kreis Leobschütz war der Krieg da bereits seit zwei Monaten zu Ende. Er, 1923 geboren, wurde 1941 mit 18 Jahren zur Wehrmacht an die Ostfront eingezogen, war nach der dritten Verwundung letztmals nahe der Heimat, in einem Sanatorium im Schlesischen, bevor es an die Westfront ging.
An der Rheinbrücke in Remagen geriet er in alliierte Kriegsgefangenschaft. Nach der Flucht aus dem französischen Lager in die amerikanische Zone konnte mein Vater Kontakt mit seiner Familie aufnehmen und folgte deren Rat, angesichts der Gräuel der dortigen Besatzungsarmee, der Roten Armee, und der Ungewissheit, was mit der Heimat werde, einstweilen im sicheren Westen zu bleiben. Mit der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 zeigte sich dann, wie gut dieser Rat war, als die vorher umlaufenden Nachrichten und Gerüchte grausame Wahrheit für alle Ostdeutschen wurden. Der Heimatverlust, dessen Folgen bis heute reichen, prägte nicht nur seine Generation.
Ich zitiere ein weiteres Mal:
„Als Angehöriger der unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geborenen Generation war und ist genau deswegen Deutschland, seine Identität, mein lebenslanges politisches Thema, wenn das auch nicht immer öffentlich wahrnehmbar war, es war gleichwohl immer da und trieb und treibt mich um.“
So schreibt es der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler der ersten rot-grünen Koalition auf Bundesebene, Joschka Fischer, in seinem lesenswerten neuen Buch „Wer sind wir?“.
Fischer berichtete vorgestern in unserer Gruppe, der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Fraktion, eindrücklich über seine Familiengeschichte als Kind von aus Ungarn im Jahr 1946 heimatvertriebenen Eltern. Sie gehörten zu der dortigen deutschen Minderheit und erlebten unmittelbar den Einmarsch der Roten Armee.
Es war eine denkwürdige Sitzung. Christdemokraten und die einstige Führungsfigur der linken Spontiszene in Frankfurt haben nicht so viele Gemeinsamkeiten. Aber wir waren uns doch einig, dass die Flucht und Vertreibung der Deutschen keine beliebige Migrationsgeschichte ist, sondern ein wichtiger Teil unserer deutschen Identität.
Haben wir diese nationale Katastrophe angemessen aufgearbeitet? Bereits die 2015 von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung anlässlich des ersten bundesweiten Gedenktages für die Opfer von Flucht und Vertreibung veröffentlichte Allensbach-Studie hat genau jene Themen für die in Berlin einzurichtende Dauerausstellung identifiziert, welche in der Bevölkerung gewünscht wurden: als Schwerpunkt Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen, als Kontexte die NS-Verbrechen sowie andere ethnisch motivierte Vertreibungen in Europa und der Welt bis heute.
Der Stiftungsrat hat sich schon länger darauf verständigt, dass Flucht und Vertreibung der Deutschen den Schwerpunkt der Dauerausstellung und einen Schwerpunkt der gesamten Stiftungsarbeit bilden. Der Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums dient genau dieser Präzisierung und setzt endlich die lange angestrebte Eigenständigkeit der Stiftung um.
Die Tatsache, dass die Besucherzahlen des Dokumentationszentrums stark zu wünschen übrig lassen, und die Tatsache, dass man dort zum Beispiel die bewegende Geschichte der ungarndeutschen Familie Fischer vergebens sucht, hängen zusammen. Dabei war gerade Ungarn – das sage ich mit Blick auf die europäische Versöhnung – das erste mittelosteuropäische Land, dessen Parlament noch vor dem Deutschen Bundestag einen nationalen Gedenktag für die vertriebenen Deutschen eingeführt hat. Und Ungarn fördert auch heute noch die deutsche Minderheit im Land vorbildlich. Das ist ein gutes Zeichen der Zusammenarbeit.
In diesem Sinne wollen wir weiter daran arbeiten, das Gedenken an die Deutschen aus den Siedlungsgebieten im Osten aufrechtzuerhalten –