Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die letzten Träger eines Verwundetenabzeichens in Deutschland waren die Verletzten des Attentats vom 20. Juli 1944 auf der Wolfsschanze. Das Abzeichen beinhaltete damals eine Widmung des Führers persönlich.
Davor schon wurden freiwillige deutsche Söldner, die beispielsweise in der Legion Condor aufseiten des Diktators Franco für den spanischen Faschismus kämpften, geehrt. Auch dieses Abzeichen wurde von derselben Person gestiftet. Wer ein neues Verwundetenabzeichen in Deutschland einführen will, muss ganz klar wissen, in welche historische Tradition er sich damit begibt.
Der aktuelle Traditionserlass der Bundeswehr nennt klare Kriterien, was genau traditionsstiftend für die Bundeswehr sein kann und was nicht. Man sollte also besser zweimal oder dreimal überlegen, welche Traditionen es wert sind, in der Bundeswehr wieder eingeführt zu werden, und welche nicht.
Dazu kommt ein grundlegender Wandel in Kultur und Gesellschaft: In den beiden Weltkriegen mögen Soldaten noch stolz darauf gewesen sein, an blutigen Kämpfen beteiligt gewesen zu sein, überlebt zu haben und für die erlittenen Verwundungen oder Behinderungen geehrt zu werden. Meine Erfahrung als Reservist der Bundeswehr ist heute eine völlig andere. Soldatinnen und Soldaten sind stolz, für Frieden und Stabilität weltweit einzustehen, die Zivilbevölkerung zu schützen, den Wiederaufbau in Konfliktregionen abzusichern. Auf diese Erfolge ist die Truppe stolz. Aber es will doch niemand ernsthaft für Tapferkeit im Kampf oder für erlittene Verwundungen oder Behinderungen mit einem Orden geehrt werden. Diese Zeiten sind lange vorbei. Und der Begriff „Opferbereitschaft“ ist im Jahre 2019 völlig daneben.
Es stellen sich auch ganz praktische Probleme – Staatssekretär Tauber hat sie schon genannt –: Für die Einsatzmedaillen der Bundeswehr wird man vorgeschlagen. Wie soll das für ein Verwundetenabzeichen funktionieren? Es geht hier immerhin um medizinische Befunde, um höchstpersönliche Daten. Sollen die Sanis die Krankenakten einfach an die Vorgesetzten weiterleiten? Sollen die Sanis selbst die Vorschläge machen? Oder sollen sich die betroffenen Soldatinnen und Soldaten für das Verwundetenabzeichen selbst bewerben und dabei die Umstände im Detail offenlegen? Darauf gibt Ihr Antrag keine Antworten.
Wir sollten uns viel stärker darüber Gedanken machen, wie wir unseren Soldatinnen und Soldaten im Falle einer geistigen oder körperlichen Verwundung wirklich helfen können. Die Weiterentwicklung der Forschung von Therapiemaßnahmen zum Beispiel für von einer posttraumatischen Belastungsstörung Betroffene, die weiter gehende Förderung und Bezuschussung von modernen tierbasierten Therapien, weitere Aufklärungsmaßnahmen in der Bevölkerung und den Streitkräften gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, das Fördern der gesellschaftlichen Anerkennung der Soldatinnen und Soldaten und die Ehrung der Rückkehrer aus internationalen Stabilisierungseinsätzen: Das wären Maßnahmen, die den Betroffenen wirklich helfen würden.
Wir danken an dieser Stelle all unseren Soldatinnen und Soldaten, die täglich ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit für den Einsatz riskieren, und wir werden den Antrag ablehnen.
Vielen Dank.