Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Blutkonserven werden knapp. Der Vorrat reicht in manchen Bundesländern nicht mal mehr für einen Tag. „Ein großes Problem“, sagt das Deutsche Rote Kreuz. Die Spenderzahlen gehen seit Jahren zurück. Blutspendeaktionen in Unternehmen oder Schulen finden jetzt in Coronazeiten kaum noch statt. Jede einzelne Spende zählt. Homo- und bisexuellen Männern ist das verboten. Sie dürfen in Deutschland kein Blut spenden. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern grob fahrlässig. Es schadet all denen, die jetzt dringend auf eine Blutspende angewiesen sind. Das Blutspendeverbot für schwule Männer gehört endlich abgeschafft.
Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, sind danach zwölf Monate lang von der Blutspende ausgeschlossen. Ein Jahr Enthaltsamkeit – das ist lebensfremd und medizinisch völlig überzogen. Jede einzelne Spende wird getestet. Auch HIV-Infektionen sind nach einem diagnostischen Fenster von sechs Wochen zuverlässig nachweisbar. Eine wissenschaftliche Begründung für zwölf Monate Abstinenz gibt es nicht. Sie sind absurd, und deshalb sollte man sie streichen.
Das Blutspendeverbot für transsexuelle Menschen ist inzwischen seit zwei Jahren immerhin gelockert. Noch immer werden transsexuelle Menschen aber als eigene separate Risikogruppe in den Richtlinien aufgeführt. Die offizielle Begründung von 2012 lautet – ich zitiere –:
Da sich viele Transsexuelle, die eine vollständige Geschlechtsumwandlung anstreben, beruflich ausgegrenzt und gesellschaftlich diskriminiert fühlen, arbeiten viele als Prostituierte, um auf diese Weise nicht nur den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch die Operationskosten zu erwirtschaften.
Statistiken dazu gebe es nicht. Als Quelle für diese Behauptung verweist die Bundesärztekammer allen Ernstes auf 300 Inserate einer Erotik-Website. Eine unglaubliche Unterstellung!
Die wissenschaftliche Datenlage für einen pauschalen Ausschluss von homo- und bisexuellen Männern von der Blutspende ist nicht viel belastbarer. Herr Henke, Sie haben ja heute auf den höheren Anteil HIV-Infizierter unter Homosexuellen verwiesen. Im Durchschnitt stimmt das. Dasselbe trifft aber auch auf alle Männer insgesamt zu – und trotzdem sind sie nicht pauschal von der Blutspende ausgeschlossen.
Jens Spahn behauptet, es gebe zu diesem pauschalen Gruppenausschluss keine alternativen Methoden. Doch, die gibt es! Fragen Sie doch die möglichen Spender nach ihrem tatsächlichen Risikoverhalten – unabhängig von ihrer sexuellen Identität!
Wer als schwuler Mann in einer monogamen Beziehung lebt, Kondome regelmäßig benutzt und sich auch regelmäßig testen lässt, hat ein geringeres Infektionsrisiko als sein heterosexueller Nachbar, der noch letzte Nacht ungeschützt bei einem One-Night-Stand anonym mit einer Frau geschlafen hat. Dem Ersten eine Blutspende zu verbieten und im zweiten Fall eine Infektion zu riskieren, die so kurzfristig gar nicht nachweisbar wäre, das ist scheinheilig und doppelt fahrlässig.
Weltweit haben andere Länder das Blutspendeverbot für schwule Männer längst gelockert oder ganz aufgehoben – vor wenigen Wochen erst die USA, Ungarn und Brasilien. Weltweit verweisen Gesundheitsbehörden und Verfassungsgerichte auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Aus einigen Ländern liegen inzwischen ja gute Studienergebnisse vor. Die zeigen eins: Die Lockerung der Blutspendeverbote hat gerade nicht zu einer Erhöhung des Infektionsrisikos geführt – nicht in Italien, nicht in Kanada, nicht in Großbritannien. Wie lange wollen Sie noch warten?
Blut ist nicht schwul oder hetero. Kein Patient soll sterben müssen, weil der mögliche Blutspender der deutschen Richtlinie zu schwul war. Nicht die sexuelle Identität, sondern das persönliche Risikoverhalten eines Menschen ist entscheidend.
Bereiten wir dem pauschalen Blutspendeverbot für homo- und bisexuelle Männer endlich ein Ende!