Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Volkstrauertag beginnt für mich in Berlin jedes Jahr mit einer besonders bewegenden Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee, dem Weltkulturerbe. Dort gibt es ein liebevoll gepflegtes Gräberfeld für gefallene jüdische Soldaten des Ersten Weltkrieges. Wenn Sie die dort herrschende morgendliche Novemberstimmung vor Augen haben, dann können Sie sich vielleicht vorstellen, dass gerade dieses Gedenken eine besonders nachhaltige Wirkung für alle Teilnehmer entfaltet. Ich gehe immer mit einem Gefühl der Erschütterung aus dieser Gedenkstunde weg, weil ich dort die Gräber von Männern sehe, die im Ersten Weltkrieg für ihr Vaterland im festen Vertrauen auf dieses Vaterland gestorben sind und deren Familien in einer unerträglichen Weise vom gleichen Land wenig später verraten, ausgegrenzt, vertrieben und ermordet worden sind. Dieser Verrat wirkt tief nach. Deswegen ist das vollkommen richtig, was Sie, lieber Kollege Gröhe, vorhin gesagt haben. Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass das, was es noch im Ersten Weltkrieg gegeben hat – eine jüdische Militärseelsorge –, heute, über 100 Jahre später, wieder auflebt. Das ist nicht unser Verdienst, sondern es ist die Bereitschaft der jüdischen Gemeinden in Deutschland und ihres Zentralrats, diesen zerrissenen Traditionsfaden wieder aufzunehmen im Vertrauen auf eine bessere gemeinsame Zukunft.
Es ist vollkommen richtig, was Kollegin Vieregge eben gesagt hat. Jüdisches Leben gehört zu Deutschland, und es gehört zur Bundeswehr. Aber dass wir das feststellen, reicht nicht. Entscheidend ist, dass die Jüdinnen und Juden in Deutschland das festgestellt haben und dass sie heute bereit sind, sich in diesem Sinne – auch institutionell – in die gemeinsamen Anstrengungen einzubringen und gemeinsam die militärische Seelsorge in die Zukunft zu tragen. Dafür möchte ich auch im Namen der SPD-Fraktion der jüdischen Gemeinde, dem Zentralrat der Juden meinen Dank aussprechen. Ich freue mich auf alles, was in Zukunft aus diesem wiedergewonnenen Verhältnis erwächst.
Danke schön.