Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Ein Ostdeutscher sagte einmal: „Die Wessis wissen nichts über uns – aber das erklären sie uns täglich.“ Ja, diese Erfahrungen gab es reichlich. Doch es geht auch anders: Im Laufe der Jahre habe ich Westdeutsche kennengelernt, die sich für unser Land und uns Menschen wirklich interessierten, Freundschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte.
Nun sind 30 Jahre vergangen. Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Ostdeutschen haben sich selbst aus einer Diktatur befreit; niemand anderem haben sie diese Freiheit zu verdanken. Sie haben sich diesem Staat angeschlossen – ohne Kenntnis, auf was sich da einlassen.
Für die Menschen bedeutete die Wiedervereinigung pure Freiheit; die Welt stand ihnen offen. Aber für über 7 Millionen qualifizierte Fachkräfte und Akademiker, die mitten im Leben standen, bedeutete es: Arbeitslosigkeit, ABMs, Orientierungslosigkeit. Mit der Treuhand durchlebte der Osten die zweite Demontage seiner Industrie; Westdeutschland besiegelte damit unseren wirtschaftlichen Niedergang. Seitdem hängen wir am Tropf Westdeutschlands. Und das erlebte sein zweites Wirtschaftswunder: erstens durch den neuen Absatzmarkt im Osten, zweitens durch den billigen Aufkauf ostdeutscher Betriebe, drittens durch den staatlich geförderten Subventionsbetrug. Ein kollektives Gefühl der Ohnmacht entstand, des Ausgeliefertseins in einem neuen, unbekannten System.
Ja, wir haben jetzt Straßen ohne Schlaglöcher und schöne Fassaden – doch gehören sie uns nicht mehr. Unsere Heimat mit ihren Ländereien und Bauwerken ist in westdeutscher Hand. Ostdeutschland ist fremdverwaltet und fremdbestimmt. Ich frage Sie, meine Damen und Herren: Was unterscheidet uns dann noch von einer Kolonie?
Doch wir müssen mit den Karten spielen, die wir haben. Jetzt ist es an der Zeit, nach vorne zu gehen und aus der Erfahrung zu lernen. Unser Land ist wunderschön, voller Vielfalt, mit großen Nationalparks und vielen Weltkulturerbestätten. Erinnert euch! Erinnert euch, wer ihr seid und woher ihr kommt! Wir haben allen Grund, stolz auf uns zu sein. Wir haben gelernt, durchzuhalten und immer wieder aufzustehen. Wir sind sehr gut ausgebildet, hochgradig flexibel und können aus wenig viel machen. Wir haben jetzt blühende Landschaften und alle Voraussetzungen, um nach 30 Jahren unser Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen, selbstbestimmt. Wir sind nicht satt – wir sind hungrig.
Vielen Dank.