Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „The medium is the message“, das Medium ist die Botschaft. Diese schillernde These des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan trifft jedenfalls auf viele Anträge der AfD
– der FDP – in letzter Zeit zu mit ihrer geradezu fetischhaften Fixierung auf das Digitale. Was haben Sie zuletzt nicht alles gefordert: Digitalisierung der Energiewende, des Gesundheitswesens, des Arbeitsrechts, Smart Germany und heute eben „Europäische Hochschullehre im digitalen Zeitalter – Gründung einer European Digital University“.
All diese Anträge, die auf das digitale Medium fokussieren, sind im wörtlichen Sinn inhaltslos. Sie sprechen zwar davon, dass die digitale Universität die „beste Lehre“ niederschwellig zur Verfügung stellen soll. Sie sagen aber mit keinem Wort, was die Kriterien für diese beste Lehre sein sollen. Ihr Begriff von Bildung bleibt völlig undefiniert.
Allenfalls wo Sie fordern, dass „Professor/innen an der EDU primär als Studiengangsentwickler und ‑manager eingestellt“ werden sollen, schimmert durch, dass Sie sich jedenfalls vom humanistischen Bildungsideal, das die umfassende Bildung der Persönlichkeit zum Ziel hatte, vollständig verabschiedet haben, und zwar zugunsten eines durchmodularisierten Kompetenzvermittlungsbetriebs, dessen Organisation sich nicht am Menschen, sondern an den neuesten Tools der Softwareindustrie orientiert – also der Bildungsverfall des Bologna-Prozesses, auf den Sie sich ja auch zu Recht berufen, zur Potenz erhoben.
Der Mensch – um noch mal McLuhan zu zitieren – wird in dieser schönen neuen Bildungswelt zum „Servomechanismus“ der Medientechnologie. Auf etwas zugreifen zu können, bedeutet eben noch längst nicht, es verstanden und verinnerlicht zu haben. Die Studenten werden zu standardisierten Usern an den Endgeräten, und ihr Hauptzweck besteht darin, die digitale Bildungsmaschinerie durch ihr Klickverhalten zu ölen und zu optimieren. Content ist Nebensache.
Dieser Verzicht auf die Inhalte wird sich aber bitter rächen, werte FDP, insbesondere weil Sie diese Universität ja eher als eine digitale Volkshochschule mit kostenlosem Zugang für alle europäischen Bürger und einem starken Anteil an „Wissenschaftskommunikation“ konzipiert haben. So werden Sie zur Serviceopposition für den linken Mainstream.
Der wird nämlich dieses Volkserziehungstool mit Inhalten der Klimareligion, des Gender-Gaga und anderen politischen Korrektheiten füllen; so viel ist garantiert, meine Damen und Herren.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Möglichkeiten des digitalen Fernunterrichts sind natürlich fantastisch. Der weltweite Erfolg des – zufällig auch kanadischen – Psychologen Jordan Peterson und seiner Onlinevorlesungen ist ein wunderbares Beispiel. Aber es ist doch kein Zufall, dass Petersons freies und übrigens zutiefst humanistisches Denken an den Planungen aller Studiengangmanager vorbei sein begeistertes Auditorium weltweit findet. Wer glaubt, dass ausgerechnet das EU-Parlamentsgebäude in Straßburg, wo Sie ja das Hauptquartier der EDU unterbringen wollen, ein Hort des freien akademischen Geistes werden könnte, der würde wahrscheinlich auch ein ehemaliges Bordell in ein Kloster umfunktionieren wollen.
Nach EU-Recht und in Trägerschaft der EU wollen Sie die Universität einrichten – Macron lässt grüßen. Unterrichtssprache: selbstverständlich nicht Deutsch, sondern Englisch. Diese geradezu euphorische Selbstaufgabe unserer bildungspolitischen Souveränität ist ein weiterer Grund, weswegen wir Ihre Initiative äußerst kritisch sehen.
Und weil Sie Ihre Digitaluni explizit als Post-Corona-Institution vorstellen: Gerade der Lockdown an den Schulen und Universitäten hat doch gezeigt, dass der Mensch als soziales Wesen auf reale Präsenz und Austausch auch beim Lernen nicht verzichten kann.
Nutzen wir also die digitalen Möglichkeiten klug, wo sie wirklich der Bildung dienen, aber machen wir keinen Fetisch daraus!
Vielen Dank.