Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Schon zum zweiten Mal sind unsere Schulen in den Lockdown gegangen. Beim ersten Mal, im letzten Jahr – das war kurz vor Ostern – hat unsere Fraktion sogar zugestimmt. Wir waren sogar die Ersten, die gesagt haben: Lasst uns etwas früher in die Osterferien gehen
oder – je nach Bundesland – die Osterferien um eine Woche verlängern. – Damals wussten wir noch nicht, was an den Schulen wirklich los ist, wie stark Kinder das Virus übertragen oder auch nicht. Wir haben damals gedacht, es handelt sich um eine Schulschließung, die vielleicht wenige Wochen dauert. Aber es wurden mehrere Monate. Es kamen die Sommerferien. In diesen Monaten, auch in den Sommerferien, wurde die Zeit überhaupt nicht genutzt, um die Schulen vorzubereiten, damit wir bei der zweiten Welle besser ausgestattet sind als bei der ersten. Die Zeit ist verplempert worden. Sie ging vorbei. Nun haben wir das gleiche Dilemma. Wir sind im zweiten Lockdown, und wieder wissen Eltern, Lehrer, Schüler, Familien nicht, wann die Kinder wieder in die Schulen gehen können. Wir hangeln uns von einer Ankündigung, von einem Versprechen zum nächsten. Eltern und Schüler sind in einer dramatischen Situation. Und das Schlimme ist: Wir wissen nicht, wie wir da wieder herauskommen.
Das alles, meine Damen und Herren, ist nicht allein den Ländern zuzuschreiben; es ist auch das Versagen des Bundes, der lange Zeit gehofft hat, das würde sich im Sommer irgendwie auswachsen. Das hat es leider nicht getan, meine Damen und Herren. Das ist Ihr Verschulden – alle miteinander –, die Sie hier Verantwortung tragen.
Meine Damen und Herren, wenn diese Krise eines zeigt, dann das, wie wichtig geöffnete Schulen sind und wie wichtig leibhaftige Lehrer sind. Sie können durch Homeschooling, durch Onlineunterricht und durch ein paar Laptops nicht das ersetzen, was Schulen und Lehrer im Präsenzunterricht leisten. Das sollte langsam jedem klar geworden sein. Es ist mir deshalb auch unverständlich, liebe Kollegen von der FDP und auch von den Linken, wieso in Ihren Anträgen wieder das Hohelied von der Digitalisierung gesungen wird. Die Realität, meine Damen und Herren, sieht doch ganz anders aus.
Vor zwei Tagen erschien in der „Welt“ ein Interview mit einer Berliner Schulleiterin, die aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Darin wird sie gefragt, welche Rolle denn das digitale Onlinelernen in ihrer Schule spiele. Ich zitiere ihre Antwort mit Erlaubnis des Präsidenten: Nein, digital ist nur ein kleiner Anteil. Es gibt bei uns im Eingangsbereich der Schule einen Windfang mit Körbchen, wo die Eltern Schulaufgaben abholen und sie dann auch zurückbringen. – So sieht die Realität aus, meine Damen und Herren. Die Vorstellung, dass ganze Schulklassen statt im Klassenzimmer stundenlang mit dem Lehrer in einem virtuellen Unterrichtsraum sitzen und dabei genauso viel lernen wie beim Präsenzunterricht, gibt es nur in den Wunschfantasien von FDP-Politikern und von Firmen, die mit solchen Angeboten ihr Geld verdienen.
Die Coronakrise zeigt doch, wozu die Schulen eigentlich da sind. Es sind mindestens vier Dinge – das konnte man in dieser Phase wie durch ein Brennglas wahrnehmen –: Erstens. Die Schule wird vor allem als außerfamiliärer Aufenthaltsort für junge Menschen benötigt. Zweitens. Schüler brauchen stabile Strukturen, um lernen zu können. Je jünger sie sind, desto mehr brauchen sie diese stabilen Strukturen. Drittens. Bildung funktioniert nur wirklich in einem leiblichen Beziehungssystem. Viertens. Kleinere Klassen sind lern- und diskussionsförderlich. Wir hätten schon längst mehr Lehrer einstellen müssen.
Meine Damen und Herren, es wird endlich Zeit, dass wir das umsetzen, was Lehrerverbände, was Kinderärzte empfohlen haben – Sie können all das nachlesen; auch wir haben es schon mehrfach vorgetragen –: Wir brauchen endlich tragfähige Hygiene- und Infektionsschutzkonzepte. Die Gebäude müssen saniert werden, Luftreinigungsgeräte angeschafft werden. Es muss mehr Personal gewonnen werden, die Lerngruppen müssen verkleinert werden. Und wir müssen Wechsel- und Rotationsmodelle erproben. Teilweise wird das den Schulen sogar verboten. Wir haben schon vor Monaten vorgeschlagen, wie man durch kluge Wechsel innerhalb eines Tages erreichen kann, dass der Lehrer alle Schüler regelmäßig sieht; denn gerade die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern geraten unter die Räder. Es wundert mich, dass sich hier nicht mehr darum gekümmert wird. Das ist doch sonst immer Ihre Klientel. Jetzt müssen wir das sagen. Das tun wir gerne.
Ich danke Ihnen für das Zuhören.