Aber unsere Gesellschaft hat sich verändert. In den meisten Familien gehen heute beide Eltern ihrem Beruf nach. Familie und Beruf zu vereinbaren, das muss heute verlässlich möglich sein. Deswegen hat das Bundeskabinett den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder beschlossen. Ich sehe es wie meine Kollegin Christine Lambrecht: Es ist ein gesellschaftspolitischer Meilenstein.
Gute Bildung für unsere Kinder mit planbarer Betreuung zu verbinden, genau das ist das Gebot der Stunde. Schauen Sie sich doch mal um: Viele Eltern zerreißen sich zwischen dem Anspruch, für die Kinder und für den Beruf da zu sein. Ich habe selbst Familie mit drei Kindern und Berufstätigkeit verbunden. Glauben Sie mir: Ich weiß, wie anspruchsvoll das ist.
Gerade in ländlichen Regionen übersteigt die Nachfrage nach Ganztagsplätzen in der Grundschule das Angebot mittlerweile deutlich. Deshalb ist staatliches Handeln gefragt. Eltern haben eben nur dann die freie Wahl, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, wenn das Ganztagsangebot stimmt. Das ist vielerorts nicht der Fall. Erst der Rechtsanspruch wird genau diese Angebotslücke schließen. Ich sage ganz bewusst „Angebot und Anspruch“; denn das heißt: Wer will, der kann, und wer nicht will, der muss auch nicht.
So sieht Wahlfreiheit in einem modernen Deutschland aus.
Verlässliche und gute Bildungsangebote für Kinder sind längst ein Standortfaktor. Worüber reden wir? Wer den Ausbau verschläft, der kann im Rennen um Fachkräfte für seine Region nicht punkten. Gerade Leistungsträger suchen sich aus, wo sich Familie und Beruf am besten vereinbaren lassen. Deswegen ist jedes Land gut beraten, rechtzeitig in den Ganztagsausbau zu investieren.
Die Pandemie hat dramatisch gezeigt, wie wichtig verlässliche Bildung und Betreuung für das Wohl unserer Kinder und Familien sind. Natürlich muss die Qualität stimmen. Guter Ganztag heißt: mehr Zeit und Raum für soziales Lernen in der Gruppe, mehr Zeit für MINT, für Musik und Sport, mehr Zeit, individuelle Talente zu entdecken und auch zu entwickeln.
Der Ganztagsausbau erfordert eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen. Der Bund ist bereit, die Länder bei ihrer ureigenen Aufgabe zu unterstützen. Wir haben uns dafür auf die Länder zubewegt – intensiv. Jetzt gilt es, die ausgestreckte Hand auch zu ergreifen. Ich finde, das Thema ist zu wichtig, um es zu vertagen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns gemeinsam das Recht auf ein entspanntes Familienleben und gute Bildungsangebote verwirklichen. Lassen Sie uns zeigen: Wir sind ein modernes Land. – Ich bin mir sicher: Diese Investition ist wirklich eine, die sich auszahlen und lohnen wird – für unsere Kinder, für unsere Familien und für unser Land.