Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Mit den Kolleginnen Leni Breymaier von der SPD und Doris Achelwilm von den Linken haben wir uns geeinigt, dass ich die Rede aus der Opposition halte.
Das davor war, zumindest aus meiner Sicht, keine Rede aus der Opposition.
Die Welt dreht sich, Menschen entwickeln sich weiter, neue Generationen setzen neue Traditionen, und Sprache ist lebendig und verändert sich stetig – seit Jahrhunderten. Das ist ein Fakt.
Damit wäre eigentlich alles gesagt – eigentlich! Aber diese Debatte um das Gendern hat einen Zug bekommen, der geradezu komisch ist: Die AfD und auch Teile der CDU/CSU und auch vielleicht der FDP können keinen Tag auslassen, ohne sich über eine inklusivere Sprache, die auch Frauen und Divers einschließt, aufzuregen und zu betonen, dass es doch Wichtigeres gibt, als darüber zu sprechen. Dabei sind Sie es, die immer darüber sprechen wollen, sogar im Bundestag.
Sie wollen sogar etwas debattieren, das nicht gefordert wird.
– Hören Sie gut zu. – Denn zu geschlechtergerechter Sprache wird niemand verpflichtet. Niemand fordert ein Gebot einer inklusiven Sprache,
auch nicht im Bundestag.
Die Einzigen, die Sprachverbote fordern, sind die AfD und Politiker der CDU. Auch das ist ein Fakt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Fakt zur Sache ist, dass Sprache unsere Wirklichkeit formt.
Alle Geschlechter sprachlich abzubilden, macht einen Unterschied: In rein männlicher Form zu reden, hält mindestens die Hälfte der Bevölkerung aus der Sprache heraus.
Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir in den Bildern denken, die wir hören. Das Fazit von Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts einer Studie aus 2018 lautet: Das generische Maskulinum ist nicht generisch. Es erzeugt im Kopf vor allem männliche Bilder und – so die Kritik – stellt die Welt somit nicht so divers dar, wie sie heute ist.
Wer das generische Maskulinum anwendet, gendert also faktisch. Das war Ihnen bisher wahrscheinlich nicht klar.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in diesem Land sprechen immer mehr Menschen in einer geschlechtergerechten Sprache, insbesondere jüngere.
Und die, die durch die inklusive Sprache sichtbar werden, befürworten diese Entwicklung viel häufiger.
Bei uns Grünen
gibt es die inklusive Sprache schon lange.
Aber es ist eine Entscheidung: Jeder Mensch
kann für sich entscheiden, dies zu tun oder es zu lassen – Punkt! Vorzuschreiben, nur die männliche Sprache verwenden zu dürfen – weil Sie in der AfD sich mit dem Gendern schwertun –,
das ist jedoch vermessen.
Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, warum macht die AfD so eine Welle beim Thema Gendern? Das hat die Journalistin Teresa Bücker klug analysiert:
Die Ablehnung von geschlechtergerechter Sprache ist eine Chiffre dafür, emanzipatorische Erfolge in Frage zu stellen
und die schon länger vorübergegangene Normalität hegemonialer Männlichkeit wiederherzustellen.
Also zurück in die geordnete Welt des Patriarchats!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das hier ist eine Stellvertreterdebatte, um Erfolge von Geschlechterpolitik ins Lächerliche zu ziehen. Was Sie hier versuchen, ist, die wirkliche Herausforderung für eine moderne und geschlechtergerechte Gesellschaft aufzuhalten. Das wird Ihnen nicht gelingen. Unsere Gesellschaft ist viel freier und weiter als Ihre Politik.
Vielen Dank.