Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wirecard, dieser True Crime made in Germany, ist der größte Börsen- und Bilanzskandal der Nachkriegsgeschichte. Es ist aber auch ein Lobbyismusskandal, es ist ein Geldwäscheskandal, und – ja, ich bin nach wie vor der Überzeugung – es ist wahrscheinlich auch ein Geheimdienstskandal.
Über 20 Milliarden Euro Börsenwert wurden über Nacht in Konfetti aufgelöst. Kleinanlegerinnen und Kleinanleger haben ihre Ersparnisse verloren. Wirecard, ein Unternehmen, das in der Frühphase des Internets mit der Zahlungsabwicklung von Onlineglücksspiel und Pornografie groß wurde, hat eine einfache Story erzählt: Wenn immer mehr Menschen im Internet einkaufen und wir diese Zahlungen abwickeln, dann ist das ein bombensicheres Geschäft.
Auch Politikerinnen und Politiker, die das Geschäftsmodell nicht verstanden haben, waren besoffen von diesem Hype um einen neuen Zahlungsanbieter. Sie haben nicht gesehen, wie Umsätze und Gewinne aufgepumpt wurden. Und ja, natürlich wäre es die Verantwortung der Wirtschaftsprüfer gewesen, nachzusehen, ob die 1,9 Milliarden Euro – ein Drittel der Bilanzsumme – auf einem Treuhandkonto auf den Philippinen liegen; die Nachweise hätte teilweise ein Zehnjähriger mit dem Detektivbaukasten fälschen können. Aber die Illusionsfabrik Wirecard, die Milliardenlüge, wäre nicht möglich gewesen ohne ein politisches Netzwerk.
Deswegen war es natürlich ein erhebliches Problem, dass die Bundesregierung dieses Unternehmen als einen nationalen Champion im deutsch-chinesischen Finanzdialog, den Herr Scholz verhandelt hat, behandelt hat.
Es war natürlich ein fatales Signal, dass die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland zum mächtigsten Mann Chinas fährt und sich dort für dieses Unternehmen engagiert, obwohl sie zuvor ein Treffen mit dem CEO von Wirecard, Markus Braun, aufgrund kritischer Medienberichte abgelehnt hat.
Natürlich gab es eine Armee an Lobbyisten aus dem Umfeld der Union, aus Bayern und aus dem Umfeld der Sicherheitsbehörden. Aber wer hier, Kollege Gottschalk, die Backen so aufbläst, der sollte natürlich wissen, wessen geistige Kinder Herr Braun und Herr Marsalek waren: Herr Braun hat für den Wirtschaftsrat der Union gespendet und ihn finanziert, und Herr Marsalek hat ja enge Freunde bei Ihren Freunden in Österreich, bei der FPÖ.
Deswegen ist der Wirecard-Skandal vor allem auch eine Lektion über die Phrasen über die vermeintliche Wirtschaftskompetenz, die wir so häufig in der Politik hören;
denn die einzige Kompetenz der Damen und Herren, die sich dort für Wirecard engagiert haben, war, sich die Brieftasche vollzumachen, weil sie für dieses Unternehmen Klinken putzten.