Nein, ich gestatte im Moment keine. – Wir müssen als internationale Gemeinschaft jetzt wirklich schnell dem UNHCR finanzielle Mittel zukommen lassen; denn wir haben es schon einmal versäumt, dies rechtzeitig zu tun. Wir müssen den Menschen helfen, die sich in den Ländern um Afghanistan herum aufhalten. Wir müssen ihnen wirklich helfen, dass sie dort ordentlich aufgenommen und untergebracht werden können und zu essen bekommen.
Es gibt jetzt wenig Spielraum für Verhandlungen; aber immerhin gibt es Gespräche in Doha und Kabul. Wenn die Taliban aus Doha nach Afghanistan zurückkehren, könnte es ja schwieriger werden. Wir müssen also die verbleibende Zeit nutzen. Dafür braucht es gemeinsame, klare Konditionen der internationalen Gemeinschaft, gerade gegenüber den Taliban.
Auch wenn die Taliban derzeit über finanzielle Mittel verfügen, wie es den Anschein hat, können wir davon ausgehen, dass Afghanistan auf eine humanitäre Katastrophe zusteuert, spätestens im kommenden Winter. Sie werden auf Hilfe angewiesen sein. Wir müssen versuchen, bei den Taliban genau an diesem Hebel anzusetzen. Wir müssen versuchen, zu retten, was zu retten ist.
Ich denke in diesen Tagen ganz besonders an Masar-i-Scharif und an Herat. In meiner letzten Rede hier hatte ich betont, wie viele studierte Frauen sich gerade dort befinden. Heute suchen sie nach Burkas, verstecken sich, zerreißen Fotos. Das ist alles wirklich erschütternd.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Durchschnittsalter in Afghanistan bei 18,4 Jahren liegt. Wir haben durch unser 20-jähriges Engagement einer Generation Zugang zu Bildung an Schulen und Universitäten und Zugang zum Gesundheitswesen gegeben. Wir haben humanitäre Hilfe geleistet. Die Hälfte der Bevölkerung kennt die Talibanherrschaft nicht; sie kennt sie nur aus Erzählungen. Ja, es gibt etwas zu verlieren in Afghanistan. Wir dürfen gerade in dieser Lage bei unseren Bemühungen, einige der Errungenschaften zu erhalten, eben nicht nachlassen.
Es gilt nun, in der nächsten Bundesregierung schonungslos aufzuarbeiten, was ist, und auch Lehren für künftige Auslandseinsätze der Bundeswehr zu ziehen. Das sind wir uns selbst, unserem Land und allen, die in Afghanistan im Einsatz gewesen sind, schuldig.
Vielen Dank.