Verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Minister hat in den vergangenen Tagen und Wochen eine ganz zentrale und existenzielle Frage aufgeworfen, nämlich die Frage, was uns Lebensmittel wert sind. Damit einher geht auch die Frage, was uns die Arbeit derjenigen wert ist, die diese Lebensmittel erzeugen. Natürlich ist der Preis ein zentrales Signal bei dieser Bewertung, aber eben auch nur eines.
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass gegenwärtig nur gut die Hälfte der in Deutschland geernteten und produzierten Lebensmittel konsumiert wird, weil der Verbraucher Lebensmittel häufig genug als nicht verbrauchswürdig erachtet, wenn sie bestimmten Normen nicht entsprechen oder in seiner Wahrnehmung unansehnlich sind. Wenn Lebensmittel deswegen nie den Weg in die Regale des Einzelhandels finden, zeigt sich auch daran die Wertschätzung Lebensmitteln gegenüber.
Ich sage es Ihnen ganz ausdrücklich: Wir müssen uns da alle ein Stück weit auch selber mit in die Pflicht nehmen. Ich habe den Eindruck, dass in den Jahrzehnten der Überflussgesellschaft viele tatsächlich die Fähigkeit verloren haben, sich bei der Frage, ob ein Lebensmittel noch genießbar ist, auf ihre eigenen Sinne zu verlassen. Allzu häufig werden, wenn sich das Mindesthaltbarkeitsdatum am Horizont auch nur abzeichnet, der ungeöffnete Joghurtbecher und die nicht angebrochene Butter einfach weggeworfen. Meine Damen und Herren, auch das ist eine Frage von Wertschätzung Lebensmitteln gegenüber, die noch genießbar wären. Deswegen müssen wir auch diese Frage umfänglicher beantworten.
Die Landwirtschaft muss gegenwärtig so viele Herausforderungen erfüllen, die von der Gesellschaft an sie herangetragen werden, wie noch nie zuvor. Trotzdem gelingt es den Landwirten in Deutschland, auf immer weniger Fläche, die ihnen zur Verfügung steht, immer hochwertigere und auch immer mehr Lebensmittel zu erzeugen. Das ist quasi die erfolgreiche Quadratur des Kreises.
Man muss das, wenn wir über Wertschätzung diskutieren, hier auch mal so deutlich sagen: Wenn trotz explodierender Bevölkerungszahlen auf diesem Planeten relativ gesehen immer weniger Menschen in der Welt Hunger leiden müssen, dann ist das auch ein Erfolg der modernen Landwirtschaft. So etwas funktioniert nur durch Effizienz und vor allem durch technischen Fortschritt. Es gehört auch zur Wertschätzung, das an dieser Stelle so deutlich zu artikulieren.
Ich werde häufig gefragt, welches Lebensmittelsiegel aus der Perspektive von Nachhaltigkeit und Tierschutz denn das beste wäre. Meine Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Wer gleichzeitig hohe Tierwohlstandards honorieren, Lebensmittel mit geringen CO2-Emissionen konsumieren und etwas für Biodiversität und Nachhaltigkeit tun möchte, der möge bitte vor allem darauf achten, dass die Lebensmittel aus heimischen Gefilden stammen.
Wir müssen uns mal ehrlich machen: Sie werden weltweit kaum ein Land finden, das derart hohe Standards für die Tierhaltung und die Lebensmittelproduktion definiert. Deswegen muss es unser aller Aufgabe sein, in die politische Kommunikation einzupflegen, dass der Konsum von in unserem Land erzeugten Lebensmitteln diese Quadratur des Kreises möglich macht.
Wir müssen da ehrlicherweise auch den Verbraucher endlich in die Pflicht nehmen; denn es kann nicht sein, dass er immer höhere Standards fordert, dann aber, wenn es zum Schwur kommt, nämlich an der Ladentheke, nicht bereit ist, diese hohen Anforderungen, diese hohen Standards durch einen angemessenen Preis zu honorieren. Auch das ist eine Frage von Wertschätzung.
Ich gebe gerne zu: Natürlich ist nicht immer für jeden erkennbar, woher die Vorprodukte stammen. Deswegen ist es richtig, dass diese Koalition – das ist übrigens sehr ambitioniert; das haben andere innerhalb von vier Jahren nicht hinbekommen – bereits im Jahr 2022 eine verbindliche Haltungs- und Herkunftskennzeichnung einführen und das auch europäisch und international ausrollen will. Wir wollen es eben nicht hinnehmen, dass sich der Verbraucher immer wieder doch aus der Verantwortung stiehlt und behauptet, er könne ja nicht nachvollziehen, woher das Lebensmittel stammt.
Das ist ein großer Schritt auch in Richtung zu mehr Wettbewerbsfähigkeit für Landwirte in Deutschland; denn der Verbraucher wird eben auch in die Pflicht genommen, seinen Worten Taten folgen zu lassen.
– Ich verstehe fast mein eigenes Wort nicht mehr.
Meine Damen und Herren, Landwirte sind vor allem Unternehmer. Sie brauchen keine Almosen, sie brauchen keine Bauernmilliarden. Was sie aber vor allem nicht brauchen, sind nationale Alleingänge, wie das zum Beispiel beim Insektenschutz in den vergangenen vier Jahren allzu häufig der Fall gewesen ist. Sie sind Unternehmer, und deswegen brauchen sie von der Politik vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie ihre unternehmerischen Entscheidungen, ihre Investitionsentscheidungen verlässlich treffen können. Landwirte brauchen aber eben auch einen Verbraucher, der wahrhaftig ist und seinen Anforderungen Taten folgen lässt.
Meine Damen und Herren – das sage ich den Landwirten im ganzen Land und den Menschen in den ländlichen Räumen –, diese Haltung hat meine Fraktion in den vergangenen vier Jahren in diesem Hohen Hause vertreten, und ich kann Ihnen versichern: Sie können sich darauf verlassen, dass wir diese Haltung auch in den kommenden vier Jahren in diesem Hohen Hause vertreten werden.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.