Sehr verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich muss einfach mal vorwegstellen: Wenn Sie unseren Antrag genau gelesen und mal nachgerechnet hätten, was das heißt, dann wären Sie vielleicht darauf gekommen, dass das, was wir vorschlagen, eine Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden bedeuten würde, aber natürlich immer im Rahmen der 40-Stunden-Woche.
Das ist übrigens genau das, was der Bund für seine Beamten vereinbart hat. Die haben eine 41-Stunden-Woche und dürfen 13 Stunden am Tag arbeiten.
Das heißt, in drei Tagen können sie die Arbeitszeit erledigen und dann vier Tage frei machen.
Und nichts anderes schlagen wir hier auch für die freie Wirtschaft vor.
Ich verstehe nicht, woher die Aufregung kommt.
Es geht doch um ein paar grundsätzliche Dinge. Die Wirtschaft und die Arbeitswelt befinden sich in einem fundamentalen Wandel, und ich bitte Sie, das nicht einfach auszublenden. Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche. Die Arbeit wird vernetzter, flexibler, digitaler, und die Lebensentwürfe der Menschen werden individueller und vielfältiger. Die Arbeitsplätze verändern sich. Die Arbeitnehmer müssen sich an diesen Wandel anpassen, und, ja, das erzeugt Druck und Stress. Und was ist die Antwort auf Druck und Stress? Die Antwort ist bestimmt nicht, zu sagen: Wir bleiben in starren Strukturen. – Nein, die Antwort lautet: mehr Selbstbestimmung, mehr Flexibilität, und dem muss das Arbeitszeitgesetz Rechnung tragen.
Ich verstehe ja, dass Sie ein bisschen damit ringen. Die Einführung des Achtstundentages war eine Revolution in der Industriegesellschaft. Der Unternehmer Robert Bosch hat ihn das erste Mal 1906 in seinen Betrieben eingeführt, weil er gesagt hat: Das erhält die menschliche Arbeitskraft und steigert gleichzeitig die Produktivität. 1918 wurde der Achtstundentag dann gesetzlich verankert. Unser Arbeitszeitgesetz gilt seit 1994.
Aber seitdem hat sich in der Gesellschaft eine ganze Menge verändert.
– Dazu komme ich jetzt. – Der Achtstundentag passt zu einer Gesellschaft, in der 55 Prozent der Belegschaften aus Arbeitern besteht, die in der Produktion stehen. Heute sind aber 60 Prozent der Arbeitnehmerschaft Angestellte,
und nur noch 20 Prozent arbeiten tatsächlich in der Industrie. Und selbst in der Industrie hat sich die Produktion stark verändert. Wir reden von Automatisierung und mittlerweile von Industrie 4.0, von Vernetzung.
– Ja, ich rede weiter. – Unsere Wettbewerbsfähigkeit beruht auf Innovationsfähigkeit und nicht auf sich ständig wiederholenden Produktionsprozessen. Deshalb sage ich: Wir wollen nicht, dass die Leute mehr arbeiten; darum geht es überhaupt nicht. Die Arbeitszeit bleibt in unserem Gesetzentwurf gleich.
Wir wollen, dass die Menschen smarter arbeiten können.
Es geht um kluge Umverteilung von Arbeitszeiten, ohne dafür lästige Überstunden aufbauen zu müssen. Es geht um sinnvolle Wege, den Bedürfnissen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern entgegenzukommen. Und ja, es geht auch darum, eine Viertagewoche im 40-Stunden-Modell zu ermöglichen,
ohne die Produktivität unserer Volkswirtschaft zu schmälern oder den Fachkräftemangel zu verschärfen; so wie Frau Esken das möchte.