Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als die Pandemie ab März 2020 unser Leben auf den Kopf stellte, war ich Bürgermeisterin. Ich musste Kitas schließen und dann den Notbetrieb für Eltern aus systemrelevanten Bereichen in Gang setzen. Ich habe die Angebote des Jugendhauses und der Quartiersarbeit eingestellt. Ich habe Jugendlichen, die zu dritt aus drei verschiedenen Haushalten auf dem Marktplatz standen, erklären müssen, warum sie das nicht tun dürfen.
Eine Kitaleiterin rief mich an und fragte, ob sie nicht auch Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen in der Kita aufnehmen dürfe, auch wenn die Eltern daheim seien. Wir haben unsere Spielräume genutzt.
Die Leiterin unseres Jugendhauses rief mich an: Eine Jugendliche sei verzweifelt, weil sie in der engen Wohnung mit den kleinen Geschwistern nicht lernen könne. Wir ließen zum Lernen einen Jugendraum zu. Krisengespräche mit der Sozialarbeiterin wurden als Spaziergänge zu zweit angeboten. Unser Familienzentrum ließ eine Mutter mit drei Kindern alleine ins Spielzimmer, weil die familiäre Situation in den beengten Verhältnissen eskalierte.
Die gemeinsame Klammer ist: Kinder und junge Menschen haben in dieser schwierigen Zeit massiv zurückstecken müssen; viele hatten Ängste und Krisen.
Inzwischen haben viele Studien, Berichte, der Corona-Expertenrat der Bundesregierung und die Ethikkommission die damalige Situation von Kindern und jungen Menschen untersucht und Empfehlungen ausgearbeitet. Daher überrascht der Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona“ nicht wirklich.
Über die Unterschiede hinweg stellen alle Studien eine erhöhte psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie fest und zeigen auf, dass sich auch drei Jahre nach Beginn der Pandemie deutliche Hinweise auf psychosomatischen Stress zeigen, wobei dies meines Erachtens nicht getrennt gesehen werden darf von inzwischen neuen Krisen wie dem Angriffskrieg in der Ukraine oder der hohen Kostensteigerung durch Inflation.
Gerade deswegen ist für mich auch der Blick auf die psychische Gesundheit von Kindern und jungen Menschen so wichtig: Denn diagnostizierte psychische Störungen, Angst- und Essstörungen und Depression steigen in bestimmten Altersgruppen und Geschlechtsgruppen deutlich an. Psychische Folgen werden weiter wirken, wenn sie nicht gelöst werden.
Jedes Kind, jeder junge Mensch hat eine unterschiedliche psychosoziale Resilienz; aber jedes Kind verdient es, dass wir ihm die individuelle Hilfe zukommen lassen, die es benötigt.
Es braucht für Kinder und junge Menschen niedrigschwellige und flächendeckende Zugänge zu Beratungs- und Hilfsangeboten, seien das schulpsychologische Unterstützungsangebote – zum Beispiel mehr qualifizierte Schulsozialarbeit, die in den Schulalltag als Regelangebot integriert wird –, seien das Anlaufstellen mit Peergroup-Ansätzen.
Ebenso braucht es eine angemessene personelle Ausstattung von sozialpsychiatrischen Diensten. Es darf nicht von finanziellen Zuschüssen der Kommunen abhängig sein, welche Dienste sie anbieten, sondern sie müssen Teile ihrer individuellen Leistungen über die Krankenkasse finanzieren können.
Zudem brauchen insbesondere auch Kinder und Jugendliche in psychischen Ausnahmesituationen Soforthilfen, zum Beispiel eine einheitliche Notrufnummer für psychische Krisen, wie sie mit der 117 gerade in Bayern eingeführt wird.
Und schließlich braucht es mehr therapeutische Angebote, insbesondere im ländlichen Raum, und eine bessere Verzahnung von ambulanten und stationären Leistungen.
Personen, die beruflich kontinuierlich Alltagskontakte zu Kindern und jungen Menschen haben, müssen im Hinblick auf Prävention psychischer Belastungen und Erkrankungen geschult werden, damit sie Problemlagen frühzeitig erkennen und die Betroffenen an Unterstützungsangebote weitervermitteln können.
Zu meiner Erfahrung als Bürgermeisterin gehört aber auch, dass mich eine Grundschullehrerin informierte, dass ihre Schüler bunte Bilder für einsame Seniorinnen im Pflegeheim malten. Dazu gehört auch, dass der Quartiersarbeiter berichtete, dass sich über das Coronasorgentelefon viele Jugendliche gemeldet haben, die für Senioren Einkäufe und Botengänge übernehmen wollten. Bekanntermaßen sind Elemente von Resilienz, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und lösungsorientiert ins Handeln kommen. Genau das haben diese Kinder und jungen Menschen gemacht.
In meinen Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern erlebe ich junge Menschen, die die Politik, die wir hier in Berlin machen, genau beobachten, die kritisch Entscheidungen hinterfragen. Ein Grund ist auch, dass sie in der Coronakrise persönlich erfahren mussten, wie politische Entscheidungen ihr Leben konkret und unmittelbar verändert haben. Diese politische Sensibilisierung ist auch eine Chance, Jugendliche für Demokratie und politisches Engagement und Verantwortung zu begeistern.