Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Spahn, ich glaube, es ist nicht richtig, Adenauer zu benutzen, um eine Partei, die die konservativen Ideen, die Adenauer vertrat, vertritt, sozusagen gleich mal vorab ins Abseits zu stellen.
Ich gebe Ihnen ja sogar in manchem recht: nicht, was uns betrifft, aber was Adenauer betrifft.
Deutschland hat nur wenige bedeutende Staatsmänner hervorgebracht. Im Kaiserreich war es zweifellos Bismarck, in der Weimarer Republik Stresemann und in der frühen Bundesrepublik natürlich Konrad Adenauer. Da haben Sie recht. Für die späte Bundesrepublik verdienen noch Brandt und Kohl das Epitheton. Helmut Schmidt fehlten die Umstände.
Aber was macht nun einen bedeutenden Staatsmann aus? Der Historiker würde sagen, dass er die Situation seines Landes klug analysiert und aufgrund dieser Analyse die Interessen des Landes erfolgreich wahrgenommen und durchgesetzt hat. Und das gilt für Konrad Adenauer in besonderem Maße. Er betrieb, Herr Spahn, nationale Interessenpolitik, wie sie die damalige Situation Deutschlands erforderlich machte.
Hitler hatte Macht und Ansehen Deutschlands in der Welt maximal ruiniert, und Adenauer stand vor der Aufgabe, beides für den freien Teil Deutschlands wiederherzustellen. Das tat er, indem er Westdeutschland konsequent mit den Führungsmächten des einen Lagers verband und sogar gegen den Widerstand vieler militärischen Beistand anbot. Das war zehn Jahre nach Deutschlands bedingungsloser Kapitulation gewagt und risikoreich und für die Ostdeutschen zumindest auf kurze bis mittlere Sicht ohne Gewinn. Deshalb wird bis heute von manchen der Weg zwischen den Blöcken, so wie er in der Stalin-Note von 1952 in Umrissen auftaucht, als Alternative bevorzugt.
Ich denke, diejenigen, die so argumentieren, verkennen den tiefen Fall unseres Landes – machtpolitisch und moralisch im Unterschied zur Weimarer Republik, die sich eine solche Politik der Balance noch leisten konnte und auch entsprechend agierte.
Hitler hatte das moralische Kapital, das für eine erfolgreiche Außenpolitik auch notwendig ist, vollständig zerstört. Und Adenauer musste es erst wiederherstellen. Da werden wir uns wahrscheinlich sogar einig sein. Das tat er mit Geschick und Durchsetzungsvermögen, wozu auch der Ausgleich mit und die Hilfe für Israel gehören. Gerade im Fall Israels war moralische Achtsamkeit auch kluge deutsche Interessenpolitik und trug viel dazu bei, das Ansehen Deutschlands in der Welt wiederherzustellen. Übrigens eine der Voraussetzungen der späteren Ostpolitik Willy Brandts, die ohne Adenauer nämlich gar nicht funktioniert hätte.
Dass Adenauer bei aller Ablehnung Sowjetrusslands, wie er es Kölnisch nannte, ganz unideologisch, pragmatisch handeln konnte, brachte 1955 die deutschen Kriegsgefangenen zurück. Ein Höhepunkt seiner Karriere und auch ein Höhepunkt für viele Menschen in diesem Land.
Es ist später immer wieder, vor allem von links, die reaktionäre Adenauer-Zeit thematisiert worden, in der alte Nazis wieder Karriere machen durften. Das bleibt, soweit davon überhaupt etwas stimmt und nicht bloß einem linken, antibürgerlichem Reflex geschuldet ist,
eine unzulässige Verknüpfung seines Namens mit gesellschaftlichen Zuständen, die er einmal salopp kommentierte: Wenn kein sauberes Wasser vorhanden ist, muss man auch schmutziges nehmen. – Oder auch – Sie haben es bereits zitiert –: Man muss die Leute nehmen, wie sie sind, es gibt nämlich nichts anderes. – In dieser Frage war er sogar mit seinem großen Gegenspieler Kurt Schumacher einig. Tatsächlich mussten die Menschen erst einmal wieder an Demokratie und Marktwirtschaft gewöhnt werden.
Ja, er war ein Bürgerlicher durch und durch, wie er in seiner leidenschaftlichen Ablehnung der Hitlerei bewiesen hatte. Doch wie die meisten Väter und Mütter des Grundgesetzes hing er einem ethnisch-kulturellen Volksbegriff an, und so misstraute er der politischen Urteilsfähigkeit der Deutschen aus seiner geschichtlichen Erfahrung heraus. Und, meine Damen und Herren, wenn ich mir manche Debatten in diesem Lande oder auch in diesem Parlament anschaue, hatte er damit durchaus recht.
Ich bedanke mich.
Der nächste Redner in dieser Debatte ist für die SPD Martin Rabanus.