Sehr geehrte Frau Präsidentin! Die heutige Debatte eignet sich wunderbar dafür, um hier mal in die Runde zu fragen: Wer von Ihnen hier im Raum glaubt wirklich, dass Frauen gleichberechtigt sind? Gerne einfach mal Hand hoch! –
Ach! Niemand meldet sich.
Und genau das ist richtig: Wir sind es nicht. Und das ändern wir auch nicht durch Gesetze. Das Problem sitzt tiefer und beginnt schon bei unserem Denken. Hier einfach mal ein paar Beispiele:
Wenn eine Frau mit vielen Männern schläft, wird sie als „Schlampe“ bezeichnet. Tut ein Mann dasselbe mit vielen Frauen, nennt man ihn „Casanova“.
Postet ein Mann ein Foto ohne Shirt im Fitnessstudio, denkt man sich: Wow, der hat aber gut trainiert. –
Tut eine Frau das Gleiche und zeigt etwas Haut, dann will sie – seien wir mal ehrlich – doch eigentlich nur Aufmerksamkeit.
Wollen Frauen Kinder haben, dann aber bitte nicht zwischen 28 und 40. Will man keine Kinder, ist man übrigens eine kalte Karrierefrau. Und Männer? Ach ja, die haben einfach Kinder, aber niemanden interessiert’s.
Übrigens: Männer verursachen doppelt so viele Autounfälle wie Frauen in Deutschland. Trotzdem gibt es Tausende Witze darüber, dass Frauen schlecht Auto fahren würden. Hä?
Frauen wird gesagt, sie sollen sich schützen: Selbstverteidigung, kein „provokantes“ Verhalten, im Zweifel Pfefferspray. Und wenn dann etwas passiert, fragen wir die Frauen: Was hattest du an? – Wir als Gesellschaft reden nie über die, die angegriffen haben. Stattdessen geben wir den Opfern die Verantwortung.
Und das Ganze hat, wie man jetzt sieht, System – ein System, das vor allem von Männern gestützt wird. Ein weiteres Beispiel: Zehn Männer sind in einem Raum. Ein Mann macht einen sexistischen Spruch. Einige lachen, andere finden es nicht witzig, sagen aber nichts.
Niemand widerspricht. Niemand sagt: Das ist falsch. – Und am Ende gehen neun Männer nach Hause und denken: Ich bin einer von den Guten. – Aber genau dieses Schweigen hält das System am Leben –
ein System,
in dem Frauen nicht gleichberechtigt sind, ein System, in dem wir kleingemacht werden und um jeden Millimeter Freiheit kämpfen müssen.
Wenn wir dieses System durchbrechen wollen, wenn wir ernsthaft möchten, dass Frauen gleichberechtigt sind in diesem Land, dann müssen auch wir genau hier in diesem Haus bei uns selbst anfangen. Ich sehe hier 630 Stühle. Auf 315 sollten Frauen sitzen.
Hier sollten 111 Frauen mehr sein als jetzt.
Warum? Damit Frauen wissen, dass sie sagen können, was sie wollen, dass sie tragen können, was sie wollen, dass sie sein können, wer sie wollen. Weil Frauen die Hälfte der Macht gehört. Weil Frauen gleichberechtigt sein sollten.