Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte Ihnen von meiner Oma Güllü – die mit den Rosen – erzählen.
Anfang der 70er kam sie mit meinem Opa nach Deutschland. Er hat als Asphaltierer gearbeitet. Sie hat fünf Kinder großgezogen und später auch mich – ein Vollzeitjob, der nie die Anerkennung bekam, die er verdient hat. Aus ihren Kindern und Enkeln sind Menschen geworden, die dieses Land am Laufen halten – ein Land, das sie lange nur „Gäste“ nannte, statt sie als Teil von uns allen anzuerkennen.
Meine Oma konnte nicht lesen und schreiben.
Deutsch hat sie nie gelernt. Wie auch bei all der Arbeit, die sie leisten musste? Damals gab es auch keine Integrationskurse, kaum Möglichkeiten, anzukommen. Denn sie waren ja nur Gäste. Obwohl man sie oft spüren ließ, dass sie nicht dazugehört, hat meine Oma sich ihren Platz in diesem Land erkämpft – mit Händen und Füßen, mit Herz. Die Einbürgerung blieb ihr trotzdem verwehrt. Sie ist als Fremde gestorben – in einem Land, das längst ihr Zuhause war. So geht es vielen meiner Nachbarn in Neukölln – Menschen, die mit einem Koffer voller Hoffnung in dieses Land gekommen sind.
Egal was in unserem Pass steht oder welchen Job wir haben, wir alle wollen doch nur ein gutes und sicheres Leben für uns und unsere Familien.
Doch genau das verwehren Sie Millionen von Menschen, und statt über die echten Probleme zu sprechen, reden wir heute mal wieder über Migranten, als wären sie das Problem. Nachdem Sie die Turboeinbürgerung abgeschafft haben, will die AfD mit ihrem Antrag, dass die Menschen jetzt noch länger warten müssen, bis sie in dieser Gesellschaft mitbestimmen dürfen.
In einer Tour hetzen Sie gegen unsere migrantischen Nachbarn und Kollegen. Sie tun so, als wären Menschen wie meine Oma das Problem. Doch wir wissen: Egal ob wir Müller, Ali oder Ivanov heißen, wir sind die, die früh aufstehen. Wir sind die, die die Pakete ausliefern, die unsere Angehörigen gesundpflegen, die unsere Kinder betreuen. Wir halten dieses Land am Laufen. Und wir alle haben verdammt noch mal verdient, über die Politik, die unser Leben bestimmt, mitzuentscheiden.
Das ist eine Frage von Gerechtigkeit und Respekt gegenüber den hart arbeitenden Menschen in diesem Land. Doch Respekt ist für Sie ein Fremdwort.
Sie wollen, dass Menschen hierherkommen und für möglichst wenig Geld Knochenjobs machen, damit Ihre reichen Freunde durch billige Arbeitskräfte noch reicher werden. Während viele von uns am Ende des Monats an der Supermarktkasse jeden Cent zweimal umdrehen müssen, während Schulen in sich zusammenfallen und Familien keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden, verdient ein deutscher Milliardär in weniger als anderthalb Stunden ein durchschnittliches Jahreseinkommen. Genau für diese Leute schreiben Sie hier die Gesetze. Sie winken ihre Anträge durch. Sie helfen ihnen, noch reicher zu werden. Sie machen Politik für Konzerne.
Als ich in den Bundestag eingezogen bin, habe ich versprochen, Politik für die Menschen zu machen. Ich deckele mein Gehalt, ich bleibe ansprechbar und vor Ort. Und ich habe versprochen, meine Arbeit hier im Bundestag mit den Menschen in meinem Kiez rückzubesprechen.
Deshalb möchte ich alle meine Neuköllner Nachbarinnen und Nachbarn zu unserer Kiezversammlung Ende April einladen. Und eines verspreche ich: Bei uns gehören alle dazu und haben Wahlrecht.
Letzter Satz: Sie haben Angst davor, dass mehr Menschen durch Einbürgerung mitentscheiden und Ihre Politik dann abwählen.