Frau Präsidentin! Abgeordnete! Als meine Großeltern in den 70er-Jahren nach Berlin kamen, suchten sie nichts weiter als ein Zuhause.
Und sie fanden mehr als das: Sie fanden Elfriede. Elfriede war Hausmeisterin in dem Haus, in dem wir später leben sollten. Kurz zuvor hatte sie ihre einzige Angehörige, ihre Tochter, verloren. In meiner Mutter fand sie eine zweite Tochter. Meine Eltern und mein Großvater arbeiteten hart, jeden Tag. Meine Großmutter kümmerte sich um die Familie, und Tante Elfriede, sie war für mich da. Sie hat mich von der Schule abgeholt. Sie hat mit mir Deutsch gelernt. Sie hat mir Geschichten erzählt – Geschichten vom Krieg, von Zerstörung, von der Vernichtung von Jüdinnen und Juden. Tante Elfriede hat zwei Weltkriege erlebt. Dank ihr habe ich schon als Kind verstanden, was es bedeutet, wenn Hass zu Politik wird.
Wir saßen in ihrer kleinen Küche, und sie machte mir Leberwurststullen. Meine Eltern wussten damals nicht einmal, was das ist. Elfriede war gläubige Christin. Manchmal sind wir sogar gemeinsam in die Kirche gegangen. Zusammen haben wir Weihnachten gefeiert und Zuckerfest, Gağan, Ostern, Néwroz. Als Elfriede gestorben ist, habe ich nicht nur eine Nachbarin verloren, sondern ein Familienmitglied. Ich habe von ihr etwas gelernt, das heute wichtiger ist denn je: Es ist egal, ob wir an Jesus, Mohammed, Moses, Hızır oder Tausī Melek glauben, ob wir an Gott, Allah oder Adonai glauben oder ob wir nicht gläubig sind: Entscheidend ist, ob wir füreinander da sind und einander respektieren.
Doch Respekt ist für diese Bundesregierung ein Fremdwort.
Ihnen geht es nicht um Menschen, Ihnen geht es um Schlagzeilen. Während unsere Leute sich die Mieten nicht mehr leisten können und viele ihre Jobs verlieren, hetzen Sie gegen unser Zusammenleben in Deutschland. Sie stellen muslimisch gelesene Menschen unter Generalverdacht;
Menschen, die so aussehen wie ich, die nicht ins Stadtbild von Herrn Merz passen. Ihr Hass bleibt auch nicht ohne Folgen: Frauen wird auf offener Straße ihr Kopftuch weggerissen,
Moscheegemeinden erhalten Drohbriefe. Von 2022 bis 2024 haben sich die Fälle von antimuslimischem Rassismus in Deutschland verdreifacht; 2024 waren es sogar acht Vorfälle pro Tag. Mit Ihrer Hetze sorgen Sie dafür, dass es noch schlimmer wird! Ihre Worte werden draußen in Gewalt umgesetzt, wie in Mölln, in Hanau oder durch den NSU.
Wenn Elfriede heute noch leben würde, sie würde sich als gläubige Christin schämen für eine Partei, die „christlich“ in ihrem Namen trägt, aber von Nächstenliebe und Barmherzigkeit nichts wissen will.
Statt sich um die echten Probleme der Menschen zu kümmern, zeigen Sie mit dem Finger auf andere, reden permanent von kriminellen Ausländern.
Wissen Sie, was wirklich kriminell ist?
Kriminell ist, dass Rentnerinnen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, Flaschen sammeln müssen, weil das Geld am Ende des Monats nicht ausreicht. Kriminell ist, dass die Hälfte der Eltern, die Grundsicherung empfangen, am Ende des Monats für ihre Kinder auf Essen verzichten.
Das sind die echten Probleme, über die Sie nicht reden, weil das unbequem ist, weil man dafür Lösungen liefern müsste.
Stattdessen wird gespalten, abgelenkt und nach unten getreten. Aber die Menschen draußen haben das längst durchschaut. Unser Zusammenhalt ist stärker als Ihr Hass!