Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über Kinder- und Jugendschutz sprechen, dann sprechen wir über eines der sensibelsten und wichtigsten Themen überhaupt. Es geht um das Wohlergehen von Kindern, um ihre Entwicklung und um ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben. Genau deshalb müssen wir bei diesem Thema auch besonders sorgfältig und differenziert und in der politischen Debatte besonders verantwortungsvoll sein, gerade weil es hier nicht um Schlagzeilen, sondern um ganz konkrete Lebensrealitäten geht. Denn Kinder wachsen heute in sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten auf, in unterschiedlichen Familien, mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Prägungen. Diese Vielfalt ist Realität in unserem Land, und sie stellt uns gewiss Anforderungen.
Unsere Aufgabe ist es, Kinder in dieser Vielfalt zu stärken, ihnen Räume zu geben, in denen sie sich entwickeln können, ihnen Bildung zu ermöglichen und auch Teilhabe und Schutz zu gewähren. Unsere Kitas und unsere Schulen sind dafür die zentralen Orte, Orte, an denen Kinder unabhängig von Herkunft oder Hintergrund gemeinsam lernen, Orte, an denen sie Selbstvertrauen entwickeln und Orientierung bekommen, und Orte, an denen Fachkräfte genau hinschauen, wenn Unterstützung notwendig ist. Deswegen an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für diese erfolgreiche Tätigkeit unseren Erzieherinnen und Erziehern und Lehrerinnen und Lehrern!
Gerade dort entscheidet sich auch, ob Integration gelingt, ob Kinder miteinander aufwachsen, voneinander lernen und gemeinsame Werte entwickeln. Deshalb müssen wir genau diese Orte stärken und dürfen sie nicht zu Orten machen, an denen Ausgrenzung entsteht oder gar verstärkt wird. Dafür brauchen wir natürlich gut ausgestattete Einrichtungen und vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, die die Kinder individuell begleiten.
Was wir brauchen, ist eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern, die auf Vertrauen und auf Dialog setzt. Kinder- und Jugendschutz bedeutet für uns deshalb vor allem Hinschauen, statt zu verallgemeinern, Unterstützen, statt auszugrenzen, und im Zweifel im Einzelfall auch zu handeln, und nicht irgendwelche pauschalen Lösungen.
Wer komplexe gesellschaftliche Fragen auf einfache Verbote reduziert, wird weder den Kindern noch der Realität wirklich gerecht. Im Gegenteil, die Gefahr ist groß, dass genau diejenigen Kinder, die wir eigentlich damit erreichen wollen, am Ende außen vor bleiben.
Dabei gilt für uns ganz konsequent: Die Rechte von Kindern und die Werte unseres Grundgesetzes sind der Maßstab unseres Handelns und nichts anderes. Dazu gehört die freie Entfaltung der Persönlichkeit ebenso wie die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen. Beides erreichen wir nur durch konsequente und konkrete Unterstützung im Alltag. Ja, und wo es diese Hinweise auf Druck oder gar Einschränkungen gibt, da müssen wir handeln – das ist unser Auftrag –, klar und konsequent, aber eben zielgenau und nicht auf der Grundlage eines Generalverdachts. Der bringt uns nicht weiter.
Diese Aufgabe, liebe Kolleginnen und Kollegen, lösen wir nicht mit ganz einfachen pauschalen Antworten oder gar Verboten. Nein, wir brauchen hier eine starke Bildungsinfrastruktur mit klaren Regeln, wo sie notwendig sind, die uns die Fähigkeit verleiht, im Einzelfall konsequent zu handeln, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.
Wer Kinder stärken will, muss ihnen Chancen eröffnen. Wer sie schützen will, muss genau hinschauen. Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern will, der darf, liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht spalten. Deshalb setzen wir auf den Ansatz, der verbindet, statt trennt, der stärkt, statt stigmatisiert, und der die Kinder weiterhin in den Mittelpunkt unseres Handelns stellt. Deswegen lehnen wir diesen Antrag ab.
Vielen Dank.