Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Kolleginnen und Kollegen! Heute debattieren wir erneut die Widerspruchslösung, wie wir das 2020 gemacht haben und wie wir das 2024 gemacht haben. Seit 2020 sind 6 000 Menschen, die auf der Warteliste standen, gestorben. Kinder haben ihre Mütter verloren, Mütter haben Kinder verloren, Väter haben Kinder verloren, geliebte Partner sind gestorben – und wir drehen uns mit dieser Debatte im Kreis.
Die Widerspruchslösung kann die Spenderzahlen in Deutschland verdoppeln. Die Studienlage – Kollege Theiss hat es ausgeführt – ist diesbezüglich eindeutig. Kein einziges Land in Europa hat es ohne Widerspruchslösung geschafft, hohe Spenderzahlen zu bekommen.
Das ist niemandem gelungen.
Es ist richtig, dass es manchmal auch anderer Grundlagen bedarf. Aber die haben wir geschaffen.
Ganz ehrlich gesagt: Mir tut es weh, wenn ich hier höre, die Leute in den Krankenhäusern sollten sich mehr dafür einsetzen, diese Organe zu gewinnen. Was glauben Sie, was in den Krankenhäusern geschieht?
Die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte kämpfen um jeden Einzelnen. Zuerst kämpfen sie um denjenigen, der zu sterben droht, und danach kämpfen sie für das Organ. Und beides Mal verlieren sie. Das ist die Realität in den Krankenhäusern, vor der wir nicht wegschauen dürfen.
Wir würden mit einer Widerspruchslösung die Zahl derer, die ein Herz, eine Lunge oder eine Leber bekommen, von 30 bis 40 Prozent auf 80 bis 90 Prozent erhöhen. Kaum jemand, der für eine Herz- und eine Lungentransplantation auf der Warteliste steht, würde versterben. Wir würden die Wartezeiten für Nieren von derzeit acht bis neun Jahren auf drei bis vier Jahre verkürzen. Weniger Verzweiflung, weniger hohe Kosten, weniger Unsicherheit, weniger Leid – das können wir mit dieser Debatte erreichen.
Ich kann eines hier sicher sagen – das gilt für jeden, der hier sitzt –: Diejenigen, die für die Widerspruchslösung sind, diejenigen, die dagegen sind, diejenigen, die noch unentschieden sind – was haben alle gemeinsam? In dem Moment, wo wir selbst ein Organ benötigen, geht jeder Einzelne von uns auf die Warteliste. Das ist die Statistik. Jeder Einzelne.
Weniger als 1 Prozent der Menschen, die ein Organ benötigen, sagen: Ich will nicht auf die Warteliste. – Auf der Warteliste würden auch diejenigen stehen, die hier heute noch gesagt haben, sie sprechen dem Staat das Vertrauen ab, eine solche Warteliste zu führen. Wenn sie selbst betroffen sind – das sage ich Ihnen aus Erfahrung –, wird dieses Vertrauen da sein.
Auch diejenigen, die hier heute argumentiert haben, man könne sich auf die Feststellung des Hirntods nicht verlassen, werden sich in dem Moment darauf verlassen, in dem sie selbst oder das eigene Kind auf diese Definition angewiesen sind. Das ist eine unehrliche Debatte, die wir hier nicht führen dürfen.
Es ist richtig, dass eine so wichtige Entscheidung eine aktive Entscheidung sein muss. Aber wir haben hier nur die Wahl zwischen einer aktiven Entscheidung für den Widerspruch oder einer aktiven Entscheidung für das Einverständnis. Wenn wir die aktive Entscheidung für den Widerspruch treffen, dann schaffen wir es, dass das, was die Bevölkerung will, nämlich mehr Spenden, auch in der Praxis passiert. Wir brauchen nicht eine erneute Kampagne, Herr Brand, um Gottes willen.
Die Bevölkerung hat sich eine Meinung zur Spende gebildet. Die Mehrheit will spenden. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass die Mehrheit auch spenden kann, und nicht Zeit und Geld verlieren für eine weitere unwürdige und sinnlose Kampagne.