Sehr verehrte Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich bin sehr dankbar, dass wir heute diese Vereinbarte Debatte zum Thema „Gedenken an Flucht und Vertreibung vor 80 Jahren“ führen können. Ich sage dies einerseits als Abgeordneter, aber andererseits auch als Präsident des Bundes der Vertriebenen. Und ich bin auch sehr froh, dass einige Mitglieder aus dem Präsidium des BdV heute dieser Debatte auf der Besuchertribüne beiwohnen.
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, Flucht und Vertreibung vor 80 Jahren: 1946 war das Hauptjahr der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Grundlage dafür war der Beschluss der Potsdamer Konferenz, der eine Übersiedlung – Zitat – „in geordneter und humaner Weise“ vorgesehen hatte. Die Vertreibung war weder human, noch war sie geordnet. Sie war genau das Gegenteil: Sie war höchst brutal.
15 Millionen Deutsche haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren, mussten teilweise von einem Tag auf den anderen nur das packen, was sie am Leib tragen konnten oder was sie mitziehen konnten. 3 Millionen Menschen verloren auf der Flucht bzw. im Rahmen der Vertreibung ihr Leben, Hunderttausende von Frauen sind vergewaltigt worden, viele Kinder sind erfroren, verhungert oder wurden erschlagen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, natürlich ist dieses Schicksal im Kontext des Zweiten Weltkriegs zu sehen. Und es ist und bleibt unbestritten, dass die erzwungene Flucht und die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit den schrecklichen und nach wie vor in ihrer Dimension unfassbaren Gräueltaten Nazideutschlands steht, insbesondere in Polen, in der Tschechoslowakei, in der Ukraine, in Belarus. Aber – und das gehört genauso zur Wahrheit –: Es gibt nach wie vor keinerlei Rechtfertigung für die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Vertreibung bleibt menschenrechtswidrig; sie bleibt völkerrechtswidrig. Mir ist es aber in ganz besonderer Weise wichtig, deutlich zu machen, dass es in der heutigen Zeit, 80 Jahre nach diesem schrecklichen Schicksal, nicht darum geht, aufzurechnen oder in Revanchismus, in Revisionismus zu verfallen oder Schuldzuweisungen vorzunehmen. Aber zur Wahrheit gehört eben, dass die Intention von Stalin, von Beneš und ihren Schergen ganz klar war, einen Spaltpilz in die deutsche Gesellschaft zu treiben. Insbesondere die westdeutsche Gesellschaft sollte mit der Vertreibung zum Implodieren gebracht werden. Dass dies nicht gelungen ist, ist nach wie vor etwas, worauf wir in Deutschland alle, unabhängig davon, ob wir Vertriebenenhintergrund haben oder nicht, unheimlich stolz sein können.
Und – das möchte ich auch noch betonen – es geht auch darum, dass wir die Hand ausstrecken, dass die Vertriebenen für Verständigung, für Versöhnung stehen. Das Gedenken ist wichtig. Jochen Buchsteiner hat in seinem Buch „Wir Ostpreußen“ deutlich gemacht: Das Schicksal der Vertriebenen hat in der Nachkriegsgeschichte leider nicht den Stellenwert erfahren, der ihm eigentlich gebührt. Aber so schlimm dieses Schicksal war: Es geht jetzt darum, –