Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vor 80 Jahren mussten 14 Millionen Deutsche ihre Heimat in den deutschen Ostgebieten und im östlichen Europa verlassen. Unter ihnen war auch meine Mutter. Ihre Geschichte von Flucht und Vertreibung war in unserer Familie stets präsent. Sie hat uns geprägt, so wie die Erfahrungen von Millionen Betroffenen ihre Familien und unser Land geprägt haben.
Die Flucht meiner Mutter verlief vergleichsweise geordnet, doch Hunderttausende verloren auf der Flucht, in Internierungslagern oder durch Deportationen ihr Leben. Was meine Mutter verlor, war ihre Heimat.
Heimat: Das sind Menschen, Erinnerungen, Sprache, Kultur und Tradition. Ihr Verlust hinterlässt Wunden, die bleiben. Deshalb erinnern wir heute nicht nur an historische Ereignisse. Meine Damen und Herren, Gedenken bedeutet nicht nur Rückschau, sondern auch Verantwortung.
Das Gedenken kann nur dann im Geiste der Versöhnung geschehen, wenn wir Deutsche uns zugleich unserer bleibenden Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen bewusst sind, besonders mit Blick auf unsere Nachbarn im Osten Europas. 1965 waren es polnische Bischöfe, die auf ihre Amtsbrüder in Westdeutschland zugingen und in einem Brief nicht nur Vergebung gewährten, sondern auch selbst um Vergebung baten.
Ohne die Aussöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern, ohne die Weitsicht von Staatsmännern wie Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Helmut Kohl, François Mitterrand und Michail Gorbatschow gäbe es nicht das Europa, in dem wir heute in Frieden leben.
Kolleginnen und Kollegen, Vergebung erhalten und Vergebung gewähren können – beides ist ein Geschenk. Uns Europäern ist dieses Geschenk zuteilgeworden, und wir haben daraus mit einer zielstrebigen Politik aktiv für Frieden, Wohlstand und Freiheit auf unserem Kontinent ein goldenes Zeitalter bereitet. Diese Errungenschaft wird nun erschüttert: durch den Angriffskrieg Wladimir Putins, durch Extremisten jeglicher Couleur. Gerade deshalb ist die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen heute aktueller denn je. Und es ist an uns, die Deutungshoheit nicht Revanchisten und Extremisten zu überlassen.
Meine Damen und Herren, das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen hat Mitgefühl und Trauer verdient. Bewahren wir ihre Erinnerung. Lernen wir aus ihrer Geschichte, die die unsrige ist. Und verteidigen wir gemeinsam unser Europa des Friedens, der Freiheit und der Versöhnung.