Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Steueroase, Kaimaninseln, Private Equity: Das alles in Verbindung mit Medizinischen Versorgungszentren? Das lässt aufhorchen und verfehlt seine Wirkung nicht.
Für mich steht fest: Die medizinische Versorgung ist ein wichtiger Bereich der Daseinsvorsorge und natürlich kein Markt wie jeder andere. In diesem Punkt, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Linken, sind wir uns völlig einig.
Grundsätzlich finde ich die Idee richtig, Licht ins Dunkel zu bringen, Transparenz zu schaffen. Aber warum sollen wir hier MVZ anders behandeln als Krankenhäuser oder Pflegeheime? Wer welche Einrichtung besitzt und Rendite abschöpft, ist nicht nur bei MVZ interessant.
Deswegen meine Bitte: Wenn schon, dann sollten wir hier ein bisschen mehr Sorgfalt walten lassen; denn hier stehen viele Mutmaßungen im Raum. Das Bundeskartellamt – das ist schon angeklungen – hat zum Beispiel in der Frage der Marktmacht 2017 den großen MVZ-Ketten noch Unbedenklichkeit attestiert.
Generell können wir feststellen: Die weite Verbreitung der MVZ tut der ambulanten Versorgung gut. Sie sind eine sinnvolle und zeitgemäße Ergänzung bestehender Versorgungsmodelle, die momentan vielen Bedürfnissen entgegenkommt,
so zum Beispiel den Bedürfnissen von jungen Ärztinnen und Ärzten. Hier bieten MVZ optimale Bedingungen. Einstieg in den Beruf und Familienphase fallen oft zusammen. Hier haben die MVZ den Vorteil, dass sie eine Teilzeittätigkeit in Anstellung und garantierte Arbeitszeiten bieten können. Überstunden, lästige bürokratische Pflichten und wirtschaftliches Risiko fallen weg. Das ist sehr attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte.
Und natürlich sollte für uns Gesundheitspolitiker die Qualität der Versorgung im Vordergrund stehen. Auch hier können MVZ punkten.
Die Möglichkeit, Fremdkapital heranzuziehen, erlaubt eine medizinische Versorgung auf dem neuesten Stand. Mittlerweile sind moderne Geräte in einigen Fachrichtungen so teuer, dass Berufseinsteiger sie kaum finanzieren können, zum Beispiel in der Radiologie. Die Nutzung der teuren Geräte durch mehrere Ärzte ist durchaus sinnvoll und sorgt für eine optimale Auslastung.
Aus Sicht der Patientinnen und Patienten, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind auch die langen Öffnungszeiten vieler MVZ hoch attraktiv. Wie die Situation mittwochmittags und freitagmittags in Einzelpraxen aussieht, das wissen wir ja alle.
Ich möchte noch auf einen Punkt zu sprechen kommen: Auch ein Arzt mit eigener Praxis hat nicht nur einen Hut auf, er ist Arzt und Unternehmer. Ich gebe zu bedenken, dass auch hier nicht immer das wirtschaftlich Notwendige konfliktfrei mit dem ethisch Richtigen verbunden wird, oder kurz gesagt: Auch die Einzelpraxis verfolgt wirtschaftliche Interessen.
Hier wird zum Beispiel kräftig „ge-IGeLt“. Auf lukrative Kataraktoperationen spezialisieren sich nicht nur die großen Augen-MVZ, sondern durchaus auch Einzelpraxen. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Wir brauchen beides in einem vernünftigen Rahmen – MVZ und Einzelpraxis.
Dass es nicht um ein Entweder-oder geht, wird auch beim Blick in die moderne Arztbiografie deutlich.
Der ungebrochene Trend zur Anstellung bedeutet nicht, dass die Ärzte sich nicht niederlassen wollen. Vielmehr ist es oft so, dass der Nachwuchs wertvolle praktische Erfahrungen im MVZ sammelt, bevor er sich mit der eigenen Praxis niederlässt, und die Älteren – kurz vor der Rente – bereiten ihren Ausstieg vor und lassen sich in der eigenen Praxis als Arzt anstellen.
Insofern sollten wir die Situation ganz genau analysieren, bevor wir die Medizinischen Versorgungszentren im Schnellschuss mit massiven Berichtspflichten, die vorgeschlagen wurden, die aber zum Teil nicht umsetzbar sind, überziehen. Dabei können wir auch gerne zusammenarbeiten.