Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Auch ich möchte zunächst einmal alle guten Genesungswünsche dem Kollegen Dr. Frömming überbringen.
Englisch verdrängt im Zuge der Internationalisierung auch in der Wissenschaft zunehmend die anderen Sprachen. Die Verdrängung des Deutschen aus der universitären Diskurs- und Textwirklichkeit ist weit vorangeschritten. Der Anteil deutschsprachiger Veröffentlichungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Publikationen ist nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes auf 1 Prozent zurückgegangen.
Mittlerweile wird auch in Deutschland in der Wissenschaftskommunikation zunehmend ausschließlich die englische Sprache verwendet, sogar auf Kongressen mit ausschließlich deutschen Teilnehmern. Deutsche Drittmittelgeber schreiben oftmals vor, Förderanträge ausschließlich in englischer Sprache einzureichen, und auch Hochschulen bieten mehr und mehr komplett englischsprachige Studiengänge an.
Englisch hat sich also damit als Wissenschaftssprache durchgesetzt. Dies hat Gründe: Forschung ist heute längst international. Forscherteams setzen sich aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Nationalitäten zusammen. Wenn ich in meinen Wahlkreis, in die Wissenschaftsstadt Darmstadt, schaue und an die verschiedenen Forschungseinrichtungen denke, zum Beispiel an die GSI mit dem FAIR-Projekt oder auch das Weltraumkontrollzentrum ESOC, dann stelle ich fest: Dort wird auch im betrieblichen Alltag Englisch gesprochen, und zwar deswegen, weil sich Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen einbringen.
Natürlich erleichtert das Englischsprechen, herausragende nichtdeutschsprachige Spitzenwissenschaftler nach Deutschland zu holen. Der Austausch über die einheitliche englische Sprache hat die Wissenschaft erheblich beschleunigt. Denn Forschung und Wissenschaft leben vom Austausch. Erst diese gemeinsame Sprache hat vielen Wissenschaftlern aus Entwicklungs- und Schwellenländern die Chance eröffnet, sich am globalen Diskurs zu beteiligen, und auch die Adressaten der wissenschaftlichen Publikationen von deutschen Forschern sitzen überwiegend im Ausland.
Studien zeigen aber auch, dass das tiefere Verständnis deutlich eingeschränkt ist, wenn Studenten den Lehrstoff nur in einer Fremdsprache aufnehmen. Auch verflacht der Austausch über wissenschaftliche Inhalte schnell, wenn die Besprechungen in Englisch und nicht in der Muttersprache abgehalten werden. Die Diskussionsbereitschaft nimmt selbst bei den Studenten ab, die sehr gut Englisch sprechen.
Unsere Sprache hat nämlich neben der kommunikativen auch eine kognitive Funktion. Unsere Denkmuster und Sprachbilder beruhen auf der Muttersprache, und auch im wissenschaftlichen Bereich arbeiten wir mit Bildern und Metaphern, die der Alltagssprache entnommen sind.
Nicht ohne Grund plädieren daher viele Forschungseinrichtungen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und auch die Hochschulrektorenkonferenz für die Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften und damit auch für mehr Übersetzungen. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung misst der Muttersprache eine enorme Bedeutung in Arbeits-, Erkenntnis- und Kommunikationsprozessen und eben auch in der Wissenschaft bei und fördert und fordert daher auch die Mehrsprachigkeit.
In der Tat sollte der Anspruch einer Wissenschaft, die verantwortlich mit der eigenen Kultur umgeht, in der Mehrsprachigkeit liegen.
Die Ausbildung einer sogenannten Lingua franca in den jeweiligen Disziplinen jedoch ist Angelegenheit der Hochschule bzw. der Wissenschaft selbst und kann nicht vom Bund aus gesteuert werden.
Zu den klar geregelten Zuständigkeiten im Bildungsbereich muss ich hier wohl nicht ausführen; ich nenne nur die Stichworte „Freiheit von Wissenschaft und Lehre“ und „Hochschulautonomie“.
Wir als Unionsfraktion werden dem Antrag nicht zustimmen. Ich möchte Ihnen allen aber von dieser Stelle aus schon einmal gesegnete Weihnachten wünschen.