Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! In der Wissenschaft sind 80 Prozent der Stellen befristet. Das ist unsäglich. Aber, liebe Linke, nicht alles ist Klassenkampf. Hier geht es um persönliche Belastungen, unsichere berufliche Zukunft, Beziehung und Familienplanung unter Druck und innovationsschädliche Abhängigkeiten.
Der Klops im Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2017 ist, dass es nur eine einmalige Evaluierung geben soll, 2020, ohne großen Ergebnisbericht an den Bundestag und ohne Wiederholung – deshalb unser Gesetzentwurf.
Meine Damen und Herren, ich sprach in den vergangenen Monaten mit Professoren und Doktoranden, mit Frauen und Männern, mit Betriebsräten und mit Mitarbeitern von Wissenschaftsakademien und Forschungseinrichtungen. Reizt man alle Befristungsvarianten aus, also qualifikations- wie drittmittelbasierte, dann sind befristete Kettenverträge über Jahrzehnte hinweg möglich und Praxis. Das ist unmöglich, sagen wir da.
Selbst beim bereits 126 Jahre alten, Herr Frömming, Orchideenprojekt „Thesaurus linguae Latinae“
laufen Verträge nur wenige Jahre. Nehmen Sie sich doch einmal eine kleine Auszeit, und machen Sie Ihre Kalauer in Ihrer Kneipe, aber nicht im Parlament.
Bei hochspezialisierter Grundlagenforschung ist breiterer Einsatz an der Hochschule nach Vertragsende meist sehr schwierig. Befristungsmissstände verhindern auch jedwede kluge Personalentwicklung. Viele gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler setzen sich solchen Zuständen nicht aus, sie wechseln an Forschungseinrichtungen im Ausland.
Der heutige Antrag der Linken geht in die richtige Richtung. Frau Gohlke, das ist so selten, daher Glückwunsch!
Etwas Wasser in den Wein: Natürlich brauchen Wissenschaftseinrichtungen erstens Atmungspotenziale, zweitens Fluktuation der Wissenschaftler für die Innovation, drittens Fairness zwischen Generationen. Wir müssen natürlich Flaschenhälse vermeiden, die für Karrierestaus sorgen. Bei rund 29 000 Promovierten pro Jahr, aber nur knapp 48 000 Professorenstellen hierzulande bietet der Linken-Antrag keine Lösung.
Wesentliche Lösungen dagegen sind: Promotionen müssen von Beginn an über ihre gesamte Laufzeit abgesichert sein, natürlich mit realistischem Zeitrahmen. Vertragslaufzeiten sind an Projektlaufzeiten zu knüpfen. Die unterlaufene Sollbestimmung im Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist viel zu weich. Und wir müssen etwas tun gegen Karrieresilos in der Wissenschaft, durch partnerschaftliche Initiativen für cross-sektorale Personalentwicklung in Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung.