Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! 90 Prozent befristete Verträge im Mittelbau, ein Durchschnittsalter von 42 Jahren bis zur Erstberufung auf eine Professur: Die klassische Postdocbiografie in Deutschland ist eine Aneinanderreihung von Kettenverträgen, existenzieller Unsicherheit und einer Lebensplanung in der permanenten Warteschleife. Das sind keine Bedingungen für wissenschaftliche Bestleistungen, sondern das ist ein Standortnachteil.
Was die Bundesregierung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz auf den Tisch gelegt hat, ist ein mutloser Minimalkompromiss, der die bestehenden Probleme nur zementiert. Wir müssen es mit aller Deutlichkeit ansprechen: Am deutschen Campus herrscht eben keine Bestenauslese, sondern eine brutale soziale Selektion. Das System vererbt die Professur an Privilegierte und drängt viele erstklassige Talente, vor allem Frauen, systematisch ins Abseits. Das müssen wir ändern!
Bis 2033 werden fast 18 000 Professorinnen und Professoren pensioniert. Nutzen wir diese historische Chance für einen Kulturwandel weg vom feudalen Lehrstuhl hin zu flachen Departmentstrukturen!
Ich möchte Ihnen dazu eine kleine Anekdote erzählen – Herr Birghan, hören Sie gut zu! –: Mit dem Forschungsausschuss waren wir letztes Jahr in den USA und haben dort mit einem Spitzenquantenphysiker gesprochen, der aus Deutschland stammt. Er arbeitete an einer Eliteuniversität, und auf meine Frage, ob er sich denn vorstellen könnte, wieder nach Deutschland zurückzukehren, sagte er: Allein diese hierarchische Lehrstuhlstruktur sei weder international zeitgemäß noch attraktiv.
Allein deswegen käme Deutschland für ihn eben nicht mehr infrage.
Wir wollen mit unserem Antrag einen Systemwechsel. Das ist übrigens genau das, was auch der Wissenschaftsrat empfohlen hat. Planbarkeit und Klarheit der Karrierewege müssen der Normalfall werden, nicht die Ausnahme. Wir fordern eine verlässliche zweijährige Orientierungsphase nach der Promotion, am besten unterfüttert mit einer Personalentwicklungsstrategie der Universitäten. Diese Zeit soll genutzt werden, damit Forschungsergebnisse verwertet werden können, zum Beispiel in der Gründung eines Start-ups oder um Karriereoptionen innerhalb oder außerhalb des Wissenschaftssystems zu eruieren.
Wir beenden die Mogelpackung bei Qualifizierungsverträgen. Die eigene Forschung darf an Universitäten nicht länger nur geduldet werden, während Postdocs als billige Allrounder für Daueraufgaben mit Kurzzeitverträgen verheizt werden.
Wenn eine Spitzenwissenschaftlerin nach jahrelanger Postdocphase das System frustriert verlässt, weil sie keine Planungssicherheit für ihre Familie hat, ist das eine immense Verschwendung von Steuergeldern und Innovationspotenzial.
Wir fordern die Regelentfristung nicht für alle, sondern für Daueraufgaben im Mittelbau und Anreize für die Schaffung von Departmentstrukturen über eine Bund-Länder-Modernisierungspauschale sowie – und das hatte die Koalition ja eigentlich auch versprochen – eine Mittelbaustrategie, unterfüttert mit Tenure-Track-Stellen, damit man eben verlässliche, planbare international anerkannte Karrierewege schaffen kann.
Meine Damen und Herren, es ist schon bitter. Eigentlich sollten wir angesichts des demografischen Wandels darüber sprechen, wie wir eine attraktive und leistungsfähige Arbeitswelt schaffen. Wir sehen aber, dass Arbeitnehmerrechte durch diese Koalition zur Verhandlungsmasse werden. Was auf dem Unicampus „Kettenvertrag“ heißt, wird jetzt plötzlich durch die Ausweitung der sachgrundlosen Befristung und die Einschränkung beim Kündigungsschutz zum Modell für die gesamte Arbeitswelt.
Dass eine von der SPD getragene Koalition Arbeitnehmerrechte derart einschränkt, Beschäftigte bei Krankschreibungen unter Generalverdacht stellt und das Unternehmensrisiko auf die Arbeitnehmer verlagert, ist falsch und beschämend.