Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Debatte zum Thema Christenverfolgung – da schlagen jedes Mal zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite habe ich in der Vergangenheit selbst – als Christ, als ehemaliger Pastor und in meinem jetzigen Amt – viele Menschen in verschiedenen Ländern getroffen, habe in ihre Augen gesehen und weiß, dass sich die Situation für Christinnen und Christen in der Welt tatsächlich an vielen Stellen verschlechtert hat. Auf der anderen Seite schmerzt mich – das hat man ja auch in unserer Debatte bis jetzt miterlebt – die Schlagrichtung Ihrer Anträge, die Anwaltschaft, die Sie da scheinbar übernehmen. Mit der einseitigen Beleuchtung – meine Kollegen haben das gerade schon gesagt – dieses Themas tun Sie genau das, was die Religionsfreiheit auch für Christen eher verschlechtert als verbessert, nämlich eine Gruppe herauszuheben.
Sie sprechen Pakistan in einem der Anträge an. In Pakistan stellen fundamentalistische Organisationen für einige gesellschaftliche Gruppen tatsächlich eine Bedrohung dar. Die Bedrohung geht aus von sunnitischen Fundamentalisten gegen Christen, aber eben auch gegen Schiiten, gegen Ahmadiyya, die tatsächlich vom Staat als nichtmuslimisch klassifiziert werden, gegen Sikh und auch gegen gemäßigte Sunniten. Ihr Antrag, der differenzierter ist als letztes Mal,
schreibt aber dann am Schluss doch als Fazit: Kümmert euch um die Christen.
Im gleichen Tonfall sprechen Sie von Nigeria. Sie führen eine Menge struktureller und komplexer Probleme in Nigeria an und schlussfolgern dann aus mir unbekannten Gründen, die wirkliche Ursache der mannigfaltigen Probleme sei die verheerende Christenverfolgung. Meine Kollegin hat es gerade gesagt: Es ist weit differenzierter, und es geht tatsächlich auf ganz andere Auseinandersetzungen zurück. Selbst christliche Persönlichkeiten instrumentalisieren in diesem Land ihre Religion.
Ich war 2014 in dem Land, in der Region, wo Boko Haram wütet, und habe eine Kirche besucht; ich habe das in meiner letzten Rede schon erwähnt. In dieser Kirche gab es sieben Tage vorher einen Überfall, genau während des Gottesdienstes. Ich konnte anhand des Liederbuches noch sehen, an welcher Stelle des Gottesdienstes. Fulani und Boko Haram waren über diese Kirche und dieses Dorf hergezogen.
Ich weiß, wir müssen die Christen unterstützen und Christenverfolgung thematisieren. Aber in der gleichen Region haben die Christen mich beauftragt, hier in diesem Haus und an die Christen in der westlichen Welt zu sagen: Bitte vergessen Sie nicht, für Boko Haram zu beten. – Das ist eine vollkommen andere Haltung als das, was ich im Geiste Ihres Antrags fühle.
Besonders schockierend finde ich Ihre Aufforderung, dass die ungelösten Entführungsfälle christlicher Kinder zum Thema aller bilateralen Gespräche gemacht werden sollen. Als wenn es darauf ankäme, die Religionszugehörigkeit der Kinder festzustellen, um sich dann gegebenenfalls für sie einzusetzen, falls sie denn christlich sind.