Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wer einmal vor dem Kölner Dom oder auch im Ulmer Münster stand, der wird sich gefragt haben, wie es wohl die Baumeister des Mittelalters vermochten, ohne moderne Technik solche Wunderwerke, so etwas Schönes und Erhabenes zu schaffen. Oft dauerte es bekanntlich viele Jahrzehnte, im Falle des Kölner Doms sogar mehrere Jahrhunderte, bis die Kathedralen des Mittelalters ihre heutige Gestalt erhielten. Ähnlich bewundern wir auch die Naturschönheiten unseres Landes: die Moore, Seen, Berge und Wälder. Einige Eichen im Spessart sind fast so alt wie der Kölner Dom.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, es gibt etwas, das ist noch schöner als der Kölner Dom und älter als die ältesten Eichen im Spessart: Das ist unsere gemeinsame deutsche Sprache.
Wir sollten ihr mehr Aufmerksamkeit schenken, wir sollten sie pflegen und hegen, meine Damen und Herren. Damit meine ich nicht, dass wir unsere Sprache nun konservieren sollten, dass wir sie einfrieren oder gar in ein Museum sperren. Sprachen überleben dann, meine Damen und Herren, wenn sie gesprochen werden. Und natürlich: Ja, sie wandeln sich dabei. Auch das Deutsche hat sich ausgehend vom Althochdeutschen über das Mittel- und Frühneuhochdeutsche bis heute gewandelt und wird sich auch weiter wandeln. Aber dieser Wandel, meine Damen und Herren, war stets ein natürlicher. Keine Obrigkeit hat ihn angeordnet, keine Polizei hat ihn überwacht, und das soll auch so bleiben, meine Damen und Herren.
Gleichwohl gab es immer wieder einmal Versuche, die deutsche Sprache aktiv zu reinigen. Das begann schon im Barock und ging in der Aufklärung so weiter. Fremdwörter sollten zwanghaft durch deutsche ersetzt werden oder gar der Gebrauch bestimmter Wörter ganz vermieden oder sogar verboten werden. Auf die deutsche Sprache selbst hat das alles sich wenig ausgewirkt. Goethe selbst riet zur Gelassenheit. Wörter kommen, einige bleiben, andere gehen wieder.
Aber dieser Tage, meine Damen und Herren, erleben wir etwas anderes: Die Sprachpuristen von heute zielen nicht mehr nur auf einzelne Wörter, die sie zu Unwörtern erklären, sondern sie zielen auf die DNA unserer Sprache selbst, nämlich auf die Grammatik. Ausgerechnet der altehrwürdige Dudenverlag – lange ist es her – hat sich vor einigen Tagen an die Spitze derjenigen gestellt, die das generische Maskulinum abschaffen wollen. „Mieter“ ist jetzt nicht mehr jemand, der etwas gemietet hat, sondern nur noch die männliche Person, die etwas gemietet hat. Ihr zur Seite gestellt ist jetzt eine weibliche Person, die etwas gemietet hat, also eine „Mieterin“.
Man fragt sich natürlich, wo bei dieser heteronormativen Betrachtungsweise die übrigen biologischen oder sozial konstruierten Geschlechter bleiben. Damit beglückt uns dann womöglich die Dudenredaktion in ihrer nächsten Ausgabe.
Die Abschaffung des generischen Maskulinums, meine Damen und Herren, betrifft im Online-Duden 12 000 Personen und Berufsgruppen; man war also fleißig. Aber: Die Fachwelt, so lesen wir, ist weniger begeistert. Zum Beispiel die Linguistin Dr. Ewa Trutkowski von der Freien Universität Bozen sagt, dass der Duden – ich zitiere – seine Deutungshoheit über die deutsche Sprache missbrauche, um eine einseitige Sichtweise im Streit um die Geschlechtergerechtigkeit zu propagieren.
Nun könnte man meinen, es handele sich beim Duden um eine einmalige Entgleisung, aber weit gefehlt: Der Wahnsinn hat Methode. Sogar im öffentlichen Rundfunk sind die Nachrichtensprecher neuerdings angehalten, eine vermeintlich gendergerechte Sprache zu verwenden. Mit merkwürdigen gutturalen Lauten und Kunstpausen mitten im Wort soll versucht werden, eine Sprache zu etablieren, die sonst niemand spricht. Man sollte das ernst nehmen, meine Damen und Herren; denn wer es auf die Grammatik einer Sprache abgesehen hat, der will nicht nur die Sprache verändern, sondern der will das Denken verändern, der will einen anderen Menschen schaffen.
Meine Damen und Herren, das ist autoritär. So etwas gibt es eigentlich nur in Diktaturen. Gegen solche Versuche sollten sich alle demokratischen und freiheitsliebenden Menschen stemmen.
Eine genau entgegengesetzte, also nicht bevormundende Position hat Martin Luther übrigens eingenommen. Er hat bekanntlich dem Volk aufs Maul geschaut. Er hat nicht in die Grammatik und die Regeln der deutschen Sprache eingegriffen. Deshalb empfehlen wir: Nehmen wir uns Martin Luther zum Vorbild! Rufen wir das Jahr 2021 zum Jahr der deutschen Sprache aus! Pflegen wir sie! Sorgen wir dafür, dass sie auch in der EU gepflegt und gesprochen wird! Jetzt wo Großbritannien ausgetreten ist, wird es ja noch absurder, wenn sich dort alle nur noch im schlechten Englisch unterhalten. Übrigens haben unsere Freunde, die Franzosen, genau den gleichen Vorstoß gemacht.