Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin eigentlich immer noch ziemlich konsterniert. Niemand braucht eine Ministerin fürs Schönreden, sondern es braucht eine Bundesbildungsministerin, die Bildungsrealitäten anerkennt, die Ambitionen hat, die Engagement für beste Bildung zeigt, die dafür brennt, dass alle Kinder in unserem Land die gleichen Chancen haben. Ihre Rede aber strotzte vor Realitätsverweigerung und Planlosigkeit.
Der Bildungsbericht, den wir hier heute debattieren, ist für mich wie ein Stillleben, eine Momentaufnahme der deutschen Bildungslandschaft vor dem Coronaausbruch. Und was sehe ich? Ich sehe Schulen und Universitäten, die kaum digitale Bildung anbieten konnten. Ich sehe, dass wieder mehr Jugendliche ohne Abschluss die Schule verlassen und mehr junge Erwachsene ohne Berufsausbildung bleiben. Im BMBF müssten alle Alarmglocken schrillen, aber keiner reagiert. Das ist doch fatal.
Dann kam die Coronapandemie. Sie wirkte wie ein Krisenbeschleuniger. Geschlossene Kitas und Schulen bedeuten weniger Chancen auf Bildung. Einschränkungen im sozialen Leben lassen Kinder und Jugendliche vereinsamen. Viele Studierende und Azubis haben Finanznöte, stehen vor einem ungewissen Berufseinstieg. Ob Homeschooling oder Onlinesemester – Lernen und Prüfungen digital sind der pure Stresstest.
Ob Kinderärzte, ob Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher – alle warnen vor den Folgen des Lockdowns auf die psychosoziale Gesundheit, auf die Entwicklung von Kids, auf ihre Chancen. Aber wann kapiert das eigentlich diese Bundesregierung?
Nach einem Jahr Corona wird weiter herumgedoktert ohne ein klares Regierungskonzept, wie Familien mit der Pandemie leben und wie Bildungseinrichtungen sicher geöffnet werden können. Bundesregierung und Ministerpräsidentenkonferenz gehen eindeutig den zweiten Schritt vor dem ersten. Öffnungen ohne ausreichende Tests, ohne Teststrategie, mit geringen Impfquoten sind ein Wagnis. Man sehnt die Normalität herbei, aber vorausschauendes Handeln für sichere Bildung geht eindeutig anders.
Ihre S3-Leitlinie zu Schulen in der Pandemie bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse von 30 Fachgesellschaften, kam aber ein Dreivierteljahr zu spät. Frau Karliczek, Sie haben einfach Ihren Job nicht gemacht.
Die Bundesregierung macht so aus der Coronakrise eine Bildungskrise. Das muss sich ändern. Es geht um 13,5 Millionen unter 18-Jährige. Viele können die Coronaeinschränkungen kompensieren, indem sie auf Wissen und Unterstützung der Eltern zurückgreifen. Andere können das aber nicht. Gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern haben nur eine Chance, wenn sie gute Bildung und Begleitung bekommen.
Initiativen von den demokratischen Oppositionskräften, die Sie hätten aufgreifen können, gab es zuhauf: Luftfilter an Schulen, Teststrategien, Anspruch auf Förderung bei Lernrückständen, eine Öffnung des BAföG für bedürftige Studierende, eine Ausbildungsgarantie und, und, und. Wann bringen Sie das denn endlich auf den Weg? Ein Bildungsschutzschirm des Bundes ist überfällig.