Ich will mal sagen: All diese Fragen haben ja zur Grundlage, dass in wenigen Wochen die Taliban das Zepter in Afghanistan in der Hand haben werden. Das ist nicht die Grundlage meiner Annahmen.
Wir gehen jedoch davon aus – insofern ist das sicherlich richtig –, dass die Kampfhandlungen erst einmal zunehmen werden. Gleichzeitig gibt es aber einen Friedensprozess zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung, der ja nicht ausgesetzt worden ist und dessen Erfolg ich auch nicht für unerreichbar halte.
So sehr ich es unterstütze, dass alle die, die für die Bundeswehr gearbeitet haben und einer unmittelbaren Gefährdungslage unterliegen, jetzt das Angebot bekommen, nach Deutschland zu kommen: Wenn wir diese Regelung auf die Entwicklungshilfeorganisationen ausweiten würden, dann reden wir nicht mehr über 2 000 Menschen, dann reden wir über 20 000 Menschen. Das sähe wie ein Massenexodus aus Afghanistan aus. Was gäbe das für ein Bild in der afghanischen Bevölkerung? Wie sollen wir die über 400 Millionen Euro an ziviler Hilfe, die wir jedes Jahr für Afghanistan zur Verfügung stellen, überhaupt noch dort hinbekommen, wenn die Organisationen dort über kein Personal mehr verfügen?
Wir reden darüber, wirklich jedem, bei dem die Gefährdungslage offensichtlich und anerkannt ist, ein Angebot zu machen, nach Deutschland zu kommen. Ich kann auch verstehen – das ist emotional total nachvollziehbar –, dass Sie das so weit ausweiten möchten, wie es nur geht. Bitte denken Sie aber auch an die Bilder, die dann in Afghanistan entstehen, und an die Vertrauenskrise in diesem ohnehin krisengeschüttelten Land, wenn immer mehr Menschen das Land verlassen.
Deshalb bin ich dafür, das Angebot, das wir gemacht haben, zunächst einmal auf den vorgesehenen Rahmen zu beschränken, nämlich auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insbesondere der Bundeswehr, und es nicht auf alle zivilgesellschaftlichen Organisationen auszuweiten.
Ich kann Ihnen auch nicht sagen, ob immer unmittelbar eine Gefahrenlage vorliegt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Taliban, wenn sie in Afghanistan die Macht übernommen haben, sehr wohl ein Interesse daran haben, dass zivilgesellschaftliche Organisationen, die das internationale Geld verteilen, weiter funktionieren.
– Entschuldigen Sie, aber ich wollte nur darauf hinweisen, dass es auch eine andere Sichtweise gibt, nämlich auf Konsequenzen in Afghanistan, die ich nicht für positiv halte.
Bitte, Kollegin Vogler.