Sehr verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich beginne mit zwei Schlüsselsätzen aus dem Koalitionsvertrag. In der Präambel, gleich auf der ersten Seite, heißt es:
Den sozialen Zusammenhalt in unserem Land wollen wir stärken und die entstandenen Spaltungen überwinden. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst und wollen ihnen durch unsere gemeinsame Arbeit umfassend begegnen.
Im Kapitel zur Zuwanderungspolitik heißt es etwa 100 Seiten später:
Integrationsfähigkeit ... beinhaltet ... auch unseren Anspruch, die Lebensbedingungen der hier lebenden Menschen ... zu berücksichtigen.
Ich denke, diese beiden zentralen Botschaften manifestieren, was sich in den vergangenen Wochen und Monaten, ja vielleicht sogar in den letzten Jahren zunehmend gezeigt hat, wenn man den Menschen genau zugehört hat: In unserer Gesellschaft erodiert der Zusammenhalt. Fragen von Zuwanderung, Integration, kultureller Identifikation sind aufgeladen und hochumstritten. Es schwingen Ängste mit, abgehängt, ja ungleich behandelt zu werden. Aus all diesem erwächst Spaltung, und aus diesem erwächst Polarisierung. Beides sind ideologische Teilchenbeschleuniger. Deshalb, meine Damen und Herren, ist es mein Ziel, gesellschaftlicher Polarisierung entgegenzuwirken, Gruppen zusammenzuführen, Politik für die Menschen in unserem Land zu machen.
Dabei werde ich mich zwei einfacher, aber wirksamer Antreiber bedienen: der Tatkraft und der Beharrlichkeit. Bei Amtsantritt wird man ja regelmäßig gefragt: Was tun Sie in den ersten 100 Tagen? Ich möchte dem Parlament mitteilen: So lange möchte ich nicht zuwarten.
Das spiegelt die erste der beiden Maximen wider: Ein Weiter-so möchte ich nicht, wobei ich ausdrücklich meinem Vorgänger, Thomas de Maizière, für seine Arbeit danke. Ich habe ein sehr gutes Haus übernommen.
Wir müssen aber auch neue Wege gehen, und wir müssen vor allem Tempo machen.
All dies werde ich gleich zu Beginn meiner Amtszeit tun. Erste Gesetzentwürfe und Konzepte, die im Koalitionsvertrag angelegt sind, werde ich bereits in den kommenden Wochen einbringen. Mein Ziel ist, Kabinettsbeschlüsse zu den wichtigsten Vorhaben noch vor der Sommerpause einzubringen.
Beherztes Handeln ist das Gebot der Stunde, nachdem wir viele Monate damit verbracht haben, die Regierung zu bilden. Das gilt vor allem für folgende Trias: erstens Sicherheit, und das flächendeckend in ganz Deutschland, zweitens Migration, gesteuert und begrenzt, und drittens sozialer Frieden, gemeinsam und integrativ.
Die Sicherheitslage in Deutschland ist unverändert sehr bedrohlich im Hinblick auf den islamistischen Terror.
Wir müssen deshalb gemeinsam höchste Aufmerksamkeit walten lassen und unsere Sicherheitsmaßnahmen ständig optimieren. Der Staat beansprucht für sich das Gewaltmonopol und gibt seinerseits dafür das Sicherheitsversprechen an seine Bürgerinnen und Bürger.
Niemand von uns kann absolute Sicherheit versprechen. Aber, meine Damen und Herren, das Menschenmögliche für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger müssen wir jeden Tag tun.
Dort, wo Grenzen überschritten, Regeln missachtet oder Gesetze gebrochen werden, gilt für mich: null Toleranz.
Ich sage gleich zu Beginn unserer Legislatur ganz deutlich: Null Toleranz gibt es für mich auch bei Hassparolen und Gewalt gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen.
Dass eine Null-Toleranz-Strategie Wirkung zeigt und abschreckt, hat sich in der Geschichte der Republik schon vielfach gezeigt.
Eine solche Strategie braucht einerseits einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung, aber genauso vertraue ich andererseits auf Ihre Unterstützung, meine Damen und Herren. Sicherheit ist nicht rechts oder links, nicht konservativ oder progressiv;
Sicherheit ist ein Menschenrecht, und dafür setze ich mich jeden Tag ein.
Eines unserer wichtigsten Ziele, ja sogar das wichtigste Ziel im Rechtsstaat muss sein: die konsequente Durchsetzung geltenden Rechts, und zwar in allen Bereichen und gegenüber jedermann; denn ein starker Staat duldet keine rechtsfreien Räume. Wir sind und bleiben ein liberaler und weltoffener Staat nach dem Motto „Leben und leben lassen“.
Aber wenn es um den Schutz der Bürger geht, brauchen wir einen starken Staat, und dafür trete ich ein.
Wir werden auch Schluss machen mit ungleicher Sicherheit, abhängig von Längen- und Breitengraden, indem wir ein Musterpolizeigesetz für ganz Deutschland schaffen. Ein starker Staat wird ferner gelingen mit zeitgemäßen Fahndungs- und Ermittlungsinstrumenten. Das BKA, also das Bundeskriminalamt, als zentrales Datenhaus im polizeilichen Informationsverbund werde ich weiter vorantreiben. Die Befugnisse im digitalen Raum müssen denen im analogen Raum angepasst werden. Auf europäischer Ebene müssen wir alles daransetzen, die vielen Datenbanken so miteinander zu verknüpfen, dass unsere Sicherheitsbehörden künftig schneller und zielgerichteter agieren können.
Alles nach der Maxime „Vorfahrt für die Sicherheit“.
Meine Damen und Herren, ich möchte auch hier im Parlament darauf hinweisen: Sicherheit beginnt an den Grenzen.
Ich bin sehr dafür, dass wir eines Tages wieder zu wirksamen Kontrollen an den EU-Außengrenzen zurückkehren.
Das würde wunderbar zur Freizügigkeit innerhalb Europas passen. Aber ich sage Ihnen auch: Solange die Sicherheit an den Außengrenzen der EU nicht wirksam geleistet werden kann, müssen wir mit verschiedenen Maßnahmen, vor allem intelligenten Maßnahmen, die Binnengrenzen zu unseren Nachbarn kontrollieren.
Ich werde dafür eintreten, dass die intelligente Videotechnik weiter ausgebaut wird. Jeder, der sich daran stößt, möge sich in die Opfer eines Überfalls in einem U-Bahnhof oder in einer Fußgängerzone hineinversetzen und dann erneut abwägen.
Wir wollen nicht wissen, wer wann in welchem Supermarkt einkauft. Wir wollen wissen, wer dealt, wer zuschlägt, wer stiehlt oder wer einbricht, und dann unmissverständliche Konsequenzen ziehen.