Herr Präsident! Werte Abgeordnete! Herr Kollege Kaufmann von der CDU, es seien 20 Milliarden Euro für den Hochschulpakt 2020 ausgegeben worden, haben Sie hier verkündet. Allein die „Flüchtlingskosten“ des Jahres 2016 betragen 20 Milliarden Euro.
So viel zu den Prioritäten Ihrer Politik.
Folgt man den Hochglanzbroschüren der Regierung, dann stellt der Hochschulpakt natürlich eine einzige Erfolgsgeschichte dar: Mehr Lehrende. Mehr Studierende. Die Zahl der Studiengänge ist gar auf 19 000 angestiegen – ich meine, eine Zahl, die nichts Gutes verheißt, sondern worunter sich natürlich sehr viel zeitgeistig Sinnloses verbirgt. Sieht man genauer hin, dann wird deutlich, dass in der Hochschulpolitik der Regierung nach dem Grundsatz „Masse statt Klasse“ verfahren wird, Ihren gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Das darf nicht so bleiben, meine Damen und Herren!
Das Problem ist doch, werte Grüne, dass eben zu viele Berufe in eine Zwangsakademisierung hineingetrieben werden
und dass dadurch zu viele junge Leute an die Universität geholt werden, die für ein Studium nicht geeignet sind. Dann muss man sich über die hohen Studienabbrecherquoten auch nicht wundern.
Wenn es so weitergeht, werden wir vielleicht bald eine Raumpflegewissenschaft oder einen Bachelor of Cooking erleben. Das entwertet die außerakademische Berufsausbildung, und es schädigt vor allem die jungen Leute, die wertvolle Lebenszeit verschwenden und ihren Bildungsweg mit frustrierenden Misserfolgen belasten. Nein, lassen Sie uns den Erfolg von Wissenschaft nicht an der Masse der Studenten oder der Studienfächer messen, sondern an der Qualität der Ergebnisse, am Niveau der Publikationen und Forschungsprojekte, am Renommee der Hochschullehrer und an der Attraktivität Deutschlands für die besten Köpfe unter den Studenten weltweit – und nicht nur solcher, die von den fehlenden Studiengebühren in Deutschland angezogen werden.
Frau Ministerin Karliczek – sie ist heute nicht da; das finde ich bezeichnend, deswegen sage ich es hier in Abwesenheit im Video –, ich fand es äußerst befremdlich, was Sie in der „Zeit“ gesagt haben, nämlich:
Ich erwarte, dass die Wissenschaft sich besser erklärt. Sie muss raus aus ihrem Kämmerchen …
Sie führten als Beispiel den Ausdruck „Algorithmus“ an, den viele Bürger nicht verstünden. Nun ist natürlich die Vermittlung von Wissenschaft an die interessierte Öffentlichkeit eine wichtige Aufgabe, aber was Sie, Frau Karliczek, „Kämmerchen“ nennen, das ist genau der von Wirtschaft, Politik, auch Religion abgetrennte Raum, den die Wissenschaft braucht, um sich nach ihrer Eigengesetzlichkeit entfalten zu können, um überhaupt zu existieren. Wer die Mittelvergabe an Wissenschaft von deren unmittelbaren Anwendbarkeit oder Vermittelbarkeit abhängig macht, der hat das Prinzip der Wissenschaft nicht verstanden. Große Entdeckungen und Fortschritte passieren fast immer in der Grundlagenforschung, meine Damen und Herren.
Etwas mehr Demut wäre hier am Platz gewesen, gerade für eine Quereinsteigerin, Frau Ministerin.
Aber das ist ja das Kernproblem unserer Wissenschaftspolitik: Immer mehr wissenschaftsfremde Akteure bemächtigen sich der Hochschulen, ganz einfach deshalb, weil es daran viel zu verdienen gibt. Mit der anstehenden Digitalisierung der Bildung ist ein neuer Schub an Technokratenherrschaft über die Universitäten zu erwarten. Ein Problembewusstsein dafür lässt Ihr Antrag, liebe Kollegen von der FDP, leider vermissen.
Oder: Wie kann es etwa sein, dass das Centrum für Hochschulentwicklung, CHE, das in der Wissenschaftspolitik kräftig mitmischt, zum Großteil von der privaten Bertelsmann-Stiftung getragen wird? Da ist die Kritik der Linken am Eindringen der Wirtschaftsinteressen in die Wissenschaft gar nicht unberechtigt, auch wenn Sie dafür den etwas verqueren Begriff der Neoliberalisierung verwenden. Aber natürlich machen Sie gleich wieder alles zunichte, indem Sie dann vom angeblichen „Recht“ von sogenannten „Geflüchteten“ auf Hochschulbildung in Deutschland sprechen und vermehrten Mitteleinsatz dafür fordern. Damit finden Sie sich dann doch in einem Boot mit der Bertelsmann-Stiftung wieder, die auch das Hohelied der multikulturellen Einwanderungsgesellschaft singt.