Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Ob jetzt alle wieder runterkommen, werden wir gleich sehen.
Geschichtsrevisionismus gehörte schon immer zu den Kernkompetenzen der extremen Rechten – ob Kriegsschuld, Ostgebiete oder eben auch geraubte Kunst.
Für Letzteres gibt es auch ein Wort: Kolonialrevisionismus. Ihr Ziel ist: Alle geraubten Kunst- und Kulturschätze sollen in Deutschland bleiben.
Nebenbei geht es Ihnen – und das ist Ihr eigentliches geschichtspolitisches Ziel –
um das Deutsche Kaiserreich, Ihren völkischen Ersatzerinnerungsort.
In Ihren Chats reden Sie ja – das haben wir diese Woche gesehen – über Ihren eigentlichen Ersatzerinnerungsort. Das tun Sie nicht öffentlich; aber wir wissen, wo Ihr Bezugspunkt ist.
Dieser völkische Ersatzerinnerungsort soll von den störenden kolonialen Verbrechen befreit werden.
Die Benin-Bronzen versinnbildlichen alles, um was es den Europäerinnen und Europäern in den Kolonien ging: Gold, Reichtum, Macht. Jürgen Zimmerer hat es im „Freitag“, finde ich, sehr treffend gesagt:
Sie stehen für die Schamlosigkeit, mit der sich die Räuber als Retter des Raubguts inszenierten und ihre Trophäen des Unrechts stolz ausstellten,
garniert mit einer Erzählung von künstlerischer Wertschätzung, welche die Plünderer und Vergewaltiger ehrte und die Beraubten noch in der Erinnerung rassistisch herabstufte.
Nachdem Ihnen nicht gelungen war, die Rückgabe in die Herkunftsländer zu verhindern, wärmen Sie jetzt genau diese Inszenierung auf. Das ist durchschaubar, das ist reaktionär, und das ist ekelhaft.
Deshalb muss hier noch einmal unmissverständlich von meiner Seite festgehalten werden: Die Rückgabe der Benin-Bronzen ist richtig und wichtig.
Restitution ist weit mehr als materielle und rechtlich verbriefte Rückgabe von Raubgut. Es geht um die Anerkennung von begangenem Unrecht. Kolonialismus ist ein verbrecherisches Herrschaftssystem.
Die Forderung reaktionärer Kräfte, den Kolonialismus differenziert zu betrachten, ist nichts anderes als der Versuch, die Verbrechen zu relativieren. Hierher gehören auch der vermeintliche Skandal
und das Fiasko um die im Dezember zurückgegebenen Bronzen,
die Präsident Buhari nicht einem Museum, sondern dem heutigen Oberhaupt der ehemaligen Königsfamilie, Oba Ewuare II., übergab.
Denn worum geht es in der Debatte eigentlich? Die Benin-Bronzen sind eine Gruppe von mehreren Tausend Kunstwerken, die seit dem 16. Jahrhundert den Palast des Königreichs Benin schmückten und zeremonielle Bedeutung hatten. 1897 – es ist gerade gesagt worden – fielen etwa 1 200 britische Soldaten mordend und plündernd in Benin-Stadt ein und raubten Tausende Artefakte aus dem Königspalast. Die Benin-Bronzen kamen als Beutekunst nach Europa und in die USA.
Leider ist die Debatte nicht nur weitgehend verlogen, sondern auch rassistisch.
Die Behauptung, dass die zurückgegebenen Benin-Bronzen in Zukunft in Privaträumen verschwinden, beruht derzeit auf Spekulationen.
Ein Präsidialerlass legt fest, dass die Objekte unversehrt bleiben und öffentlich gezeigt werden sollen. Dass nun Stimmen aus Deutschland meinen, sich in den Verbleib der Objekte einmischen zu müssen, kann man nur als „neokolonial“ bezeichnen.
So konsequent wir die Rückgabe finden, so verschließen wir nicht die Ohren vor Wortmeldungen aus Zivilgesellschaft und Forschung. Ein Manko bei der ganzen Debatte um Restitution ist sicherlich, dass der Komplex Kolonialismus in der Auseinandersetzung auf museale Objekte reduziert wurde und bisher eine Debatte über Raub, kolonialen Genozid und die Nutznießer des transatlantischen Sklavenhandels und Wiedergutmachung fehlt. Die aktuelle Debatte um die Benin-Bronzen zeigt, dass wir in Deutschland noch einen sehr weiten Weg der Dekolonisierung vor uns haben. Fragen der Restitution sind unserer Meinung nach nicht allein auf der Ebene staatlicher Diplomatie zu lösen, sondern wir brauchen die Stimmen internationaler Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Vielen Dank.